Migration Deutsche Rückkehrzentren, eine "Geldverschwendung"?

Von den rund 16 000 Menschen, die im vergangenen Jahr auf Kosten des Innenministeriums in ihre Heimat zurückkehrten, gingen die meisten in Syriens Nachbarland Irak. Von dort sind die Kämpfer des Islamischen Staats (IS) 2017 vorerst vertrieben worden. Und seit letztem April gibt es nun auch hier, in der kurdischen Stadt Erbil, ein deutsches Rückkehrzentrum. In dem gelb gestrichenen Haus in einem Industrieviertel sitzen an einem Vormittag im Februar knapp zwanzig junge Frauen und Männer in einem Seminarraum und blicken auf einen englischsprachigen Lebenslauf in ihrer Hand. "Die Personalabteilungen bekommen Tausende Bewerbungen", sagt eine Dame bei einer Powerpoint-Präsentation: "Ihre muss herausstechen."

Flüchtlings- und Migrationspolitik Nur elf Migranten zurückgewiesen
Rücknahmeabkommen

Nur elf Migranten zurückgewiesen

Erbittert hatte die Union im vergangenen Jahr über Zurückweisungen an der deutschen Grenze gestritten. Jetzt zeigt sich: Der gefundene Kompromiss bleibt praktisch ohne Auswirkungen.

Für jeden dieser Kurse, sagt der Chef des Zentrums, Soran Jawher Awla, stünden mehr als hundert Leute Schlange. Doch Awlas Möglichkeiten zu helfen, sind begrenzt. So musste das Zentrum dem Deutschland-Rückkehrer Najeeb Khawwam Kamil kürzlich erklären, dass man leider nichts tun könne, damit er seinen früheren Job im Energieministerium zurückbekommt - trotz zwölf Jahren Arbeitserfahrung. So bekam Kamil, obwohl er viel besser qualifiziert ist als Juliana Ashong im weit entfernten Ghana, genau wie sie nur eine einfache Arbeit vermittelt: Er fährt jetzt Lastwagen.

Die Entwicklungshelfer übernehmen für ein Jahr einen Teil seines Gehalts.

Solche von der Bundesregierung kofinanzierten Jobs seien zwar gut gemeint, sagt der Vize-Gouverneur der Stadt Dohuk, Ismail Mohammad Ahmed. Doch diese Arbeitsplätze seien nicht von Dauer. Den Bürgern hier fehlten keine Bewerbungstrainings, sagt er, sondern eine funktionierende Wirtschaft. Unternehmen, in denen sie arbeiten könnten. Im Irak wird außer Öl wenig produziert, und der überwiegende Teil der Iraker lebt vom Staat. Das deutsche Rückkehrzentrum - in Ahmeds Augen ist es "Geldverschwendung".

Der Wiederaufbau stockt, viele Städte liegen noch in Trümmern

Schließlich sind es längst nicht nur die Menschen, die einmal in Europa waren, die im Irak nach Perspektiven suchen. Im Umland von Dohuk leben Tausende Kriegsvertriebene in Containern und Zelten. Viele sind Jesiden, die vor dem IS flohen und nicht zurückgehen können - weil der Krieg ihre Häuser zerstört hat und schiitische Milizen ihre Dörfer kontrollieren. Der Wiederaufbau stockt.

In Mossul etwa, das in Trümmern liegt, fragt sich der Stadtratspräsident Saido Jato Haso, wo das Geld geblieben ist, das als Hilfe aus dem Ausland überwiesen wurde. Er vermutet Veruntreuung. Ob dies auch die 200 Millionen Euro betrifft, die Berlin nach Mossul geschickt hat, dazu sei im Entwicklungsministerium nichts bekannt, sagt ein Sprecher.

Knapp drei Millionen Binnenflüchtlinge und mehr als 250 000 Syrer zählte die Flüchtlingsorganisation UNHCR Ende 2018 im Irak. Auch Wansa Khalef lebt im Februar noch in einer Zeltstadt in Shekhan. Sie ist 53 Jahre alt, Jesidin, und selbst wenn ihr Zelt im Matsch steht, trägt sie ein bodenlanges Samtkleid. Khalef hat ihre Familie verloren, als der IS in ihrer Heimat einfiel. Erst vor zehn Tagen fand man ihren Enkel Hassan. Er hat fünf seiner sieben Lebensjahre in IS-Gefangenschaft verbracht. Rastlos rennt Hassan zwischen den Zelten umher, mit einem Plastikschlauch schlägt er auf einen anderen Jungen ein. Die Ermahnungen seiner Großmutter ignoriert er, er bewirft sie mit Müll. "Sein Herz ist gebrochen", sagt sie. Dann fragt sie den Leiter des Lagers nach Valium. Das Kind finde auch nachts keine Ruhe. Wansa Khalef sieht ihre Perspektive längst nicht mehr in der zerstörten Shingal-Region, aus der sie stammt. Khalef will nach Australien.

Bei der deutschen Botschaft im Irak ist die Zahl der Visa-Anträge ungebrochen hoch; in Deutschland bilden Iraker nach Syrern die zweitgrößte Gruppe der Asylbewerber. Allein im Januar waren es rund 1500 Menschen. Zum Vergleich: Im gesamten letzten Jahr kehrten etwa 1800 Iraker auf Kosten der Bundesregierung zurück.

Diejenigen, die keine Chance haben, den irakischen Flüchtlingslagern zu entkommen, halten sich oft als Tagelöhner über Wasser. Auch das Entwicklungsministerium stellt sie an, etwa für Bauarbeiten. "Cash for Work" nennt Minister Müller solche Hilfsjobs, die mal einige Wochen dauern, mal ein paar Monate. "Nachhaltig" sind diese Perspektiven nicht.

Familie Abdullas Puppe

Familiennachzug

Abdullas Puppe

Familiennachzug, die Wirklichkeit: zu Besuch bei einem neunjährigen Jungen, der in einem Flüchtlings­camp im Libanon lebt. Und bei seinem Vater in einem Wohnheim in Berlin.   Von Ann Esswein