Migration 68 Millionen Menschen auf der Flucht

Weltweit mussten 2017 so viele wie noch nie ihre Heimat verlassen. Laut UN ging aber die Zahl der Schutzsuchenden in Deutschland erneut zurück. Macron sagt Merkel Unterstützung im Aslystreit zu.

Von Daniel Brössler, Cerstin Gammelin und Bernd Kastner, Brüssel/Meseberg

Die Zahl der Flüchtlinge auf der Welt hat einen Rekordstand erreicht: 68,5 Millionen Menschen waren 2017 auf der Flucht, drei Millionen mehr als im Vorjahr. Es ist der größte Anstieg innerhalb eines Jahres in der Geschichte des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), das die Daten erhebt. Dagegen sinkt die Zahl der Schutzsuchenden, die Deutschland erreichen, seit 2015 beständig: Von 280 000 im Jahr 2016 ging sie auf 187 000 im Jahr 2017 zurück. Im ersten Quartal 2018 sanken die Zahlen um weitere 16 Prozent.

Die Eindämmung der Migration war auch Thema beim deutsch-französischen Gipfeltreffen auf Schloss Meseberg. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sicherte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) seine Unterstützung zu, "gemeinsam mit einigen Staaten" Lösungen zu suchen, um bereits registrierte Flüchtlinge wieder zurückschicken zu können. Merkel hat im innenpolitischen Streit mit Innenminister Horst Seehofer (CSU) zugesagt, bilaterale Rückführungsverträge mit Staaten wie Italien oder Griechenland vorzubereiten, damit Flüchtlinge koordiniert zugeschickt werden können. Macron sagte, er sei sich mit Merkel einig, dass diese Rückführungen auch auf Frankreich zutreffen würden. Er sicherte zu, mit Italiens Premierminister Giuseppe Conte zu sprechen. Am Abend wurde mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker über das geplante europäische Asylsystem beraten, der sich "sehr zufrieden mit dem deutsch-französischen Papier" zeigte. Eine gemeinsame Asylagentur soll künftig alle Flüchtlinge an den Außengrenzen registrieren und die Asylverfahren durchführen. Merkel und Macron betonten, koordiniert vorgehen zu wollen. "Wir brauchen hier mehr Souveränität und Geschlossenheit", sagte Macron. Sie sprachen sich dafür aus, die EU-Außengrenzen besser zu schützen. Die Grenzschutzagentur Frontex soll um 10 000 Stellen aufgestockt werden. Die EU bereitet sich vor, aus Seenot gerettete Flüchtlinge direkt nach Afrika zurückzubringen. Der Europäische Rat unterstütze "die Entwicklung des Konzepts regionaler Ausschiffungsplattformen", heißt es in einem Entwurf für die Erklärung des EU-Gipfels kommende Woche, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Herauszulesen ist aus dem Entwurf auch das Bemühen, der unter innenpolitischem Druck stehenden Kanzlerin zu helfen. Die EU-Staaten werden aufgefordert, die "nötigen internen Maßnahmen zu ergreifen", um die Weiterreise von Asylsuchenden zu verhindern.

Laut UNHCR konzentrieren sich die weltweiten Fluchtbewegungen auf wenige Länder. Aus zehn Staaten stammen zwei Drittel aller Flüchtlinge, die meisten aus Syrien, Afghanistan, dem Südsudan, Myanmar und Somalia. Entwicklungs- und Schwellenländer nahmen demnach 85 Prozent aller Flüchtlinge auf. Die Türkei steht ganz oben (3,5 Millionen), vor Pakistan, Uganda, Libanon und Iran; Deutschland folgt auf Platz sechs. "Es bleibt eine Krise der armen Welt", sagte der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi. Die Länder, in denen Millionen Flüchtlinge leben, bräuchten mehr Hilfe der Weltgemeinschaft.