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Migration:Die Rolle der "deutschen Landsleute"

Viele Deutschtürken folgten ihm. "Es gibt viele türkischstämmige Menschen, deren Träume sich in Deutschland nicht erfüllt haben", sagt Erdoğan. "Sie kapseln sich ab. Diese Menschen stehen zwischen Baum und Borke." Die Türkei kennen sie häufig nur aus dem Urlaub, in Deutschland fühlen sie sich nicht angekommen. "Für Nationalisten sind sie leichte Beute", sagt Erdoğan, "Sie können dann auf Demonstrationen Fahnen schwenken und sagen: Recep Tayyip Erdoğan ist mein Führer!" In ihrer Verunsicherung unterschieden sie sich nicht von Anhängern der Pegida-Bewegung.

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Doch wie will er umgehen mit diesen Tendenzen? "Der erste Schritt ist, dass wir offen und angstfrei miteinander sprechen", sagt er. Das versucht er in der Vätergruppe. Er selbst hat natürlich auch eine politische Meinung, steht der türkischen Regierung kritisch gegenüber. "Aber ich stigmatisiere andere nicht, ich darf sie nicht abkanzeln." Also dürfen in seiner Gruppe natürlich auch Erdoğan-Fans gleichberechtigt mitreden.

Wichtig ist für ihn noch ein anderer Aspekt: "Meine deutschen Landsleute können nicht einfach sagen: Das ist euer Problem", sagt er. Er möchte gerne Vätergruppen initiieren, in denen Väter mit und ohne Migrationshintergrund sitzen. "Wenn wir Menschen mit türkischer Zuwanderungsgeschichte unter uns bleiben, die Deutschen unter sich, die Kurden unter sich - wie soll da in diesem Land ein Wir-Gefühl entstehen?"

Großes Interesse, aber auch große Unsicherheit

Insgesamt sieht er aber im Verhältnis zu seinen "deutschen Landsleuten" Verbesserungen. "Sie interessieren sich mehr dafür, was uns bewegt." Nachrichten über türkische Politik seien alltäglich. Auch Dilara Özer vom kurdischen Verein nimmt das so wahr. "Seit 2014 so viele kurdische Flüchtlinge nach Berlin kamen, sind sie und ihre Themen auf einmal viel präsenter", sagt sie. "Meine deutschen Nachbarn zum Beispiel, viele davon ältere Leute, wussten früher nicht so richtig, was das bedeutet: Kurdin."

Ihr Verein ist seitdem viel stärker als früher als Kulturmittler gefragt. Doch damit träten auch neue Probleme an den Tag. Zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung. Denn gerade offizielle Stellen seien wegen der engen Verbindungen der deutschen Politik zur Türkei immer noch unsicher, wie eng die Zusammenarbeit mit Kurden sein soll.

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Das Thema, so viel wird klar im Gespräch mit Dilara Özer, Volkan Erdinç und Kazım Erdoğan, ist auch deswegen so emotional, weil es an eine Frage rührt, die nicht nur Türken und Kurden gerade umtreibt: Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Und zu welchem "Wir" gehöre ich? Fragen, die sie anders beantworten wollen als das Nationalisten tun - egal, ob es nun türkische Nationalisten sind oder solche deutscher Prägung.

Die Fronten verlaufen nicht immer eindeutig

Denn für viele Menschen verlaufen die Fronten nicht eindeutig. Dilara Özer zum Beispiel kam vor 21 Jahren nach Berlin, ihre Kinder sind hier aufgewachsen, ihr Mann ist Türke. Ist das eine türkische Familie? Eine kurdische? Eine deutsche? Oder Volkan Erdinç: Er ist Deutscher, Berliner, Muslim, seine Eltern sind Türken - und er fühlt sich politisch säkularen Kurden näher als den muslimischen Anhängern des türkischen Präsidenten.

"Wir sollten nicht immer Sätze sagen wie: Ich bin zur Hälfte deutsch, zur Hälfte türkisch", findet er. Denn was bedeute das überhaupt? "Es geht nicht um das Trennende, sondern das Gemeinsame." Türkisch und Deutsch und noch ganz viele andere Dinge. Wie das eben bei vielen Menschen ist im Deutschland des Jahres 2018.