Migration Amerikas neue Wanderer

Ein Haitianer macht sich nahe Champlain im Norden des Bundesstaats New York auf den Weg zur kanadischen Grenze.

(Foto: AP)

Die neue harte Einwanderungspolitik der USA verändert auch die Nachbarländer: Haitianer suchen ihr Glück in Kanada, Migranten aus Zentralamerika bleiben lieber in Mexiko.

Von Johannes Kuhn; Mexiko-Stadt

Vor wenigen Tagen klang es, als drohe Kanada der Ausnahmezustand. Weil die Stadt Montréal die vielen Asylbewerber nicht unterbringen könne, werde das örtliche Olympiastadion kurzfristig zum Zwischenlager umfunktioniert, hieß es. Dort finden 56 000 Zuschauer Platz.

In Wahrheit stehen in den Katakomben des Stadions nun vorläufig 150 Betten, die Kapazität kann auf 450 erweitert werden. Der Ausnahmezustand ist nicht in Sicht. Doch alleine die Symbolik genügt, um manchen Kanadier zu verunsichern: Das Land gilt als offen, aber auch wählerisch, wenn es um das Thema Einwanderung geht. Montréals Bürgermeister Denis Codere hieß die Ankömmlinge via Twitter willkommen, konnte sich aber einen Seitenhieb nicht verkneifen: Das Ganze sei "eine weitere Konsequenz der missratenen Einwanderungspolitik Donald Trumps".

USA Drogen sind die neue Pest der USA
USA

Drogen sind die neue Pest der USA

Der stark gestiegene Konsum offenbart die tiefe soziale Krise des Landes. Es ist kein Zufall, dass er dort besonders hoch ist, wo viele Leute Trump gewählt haben.   Kommentar von Hubert Wetzel

Das Thema wird dem Land erhalten bleiben. Derzeit erreichen täglich etwa 150 Asylsuchende die Provinz Québec, in dem Montréal liegt. Das sind so viele, wie im vergangenen Jahr noch in einem Monat ankamen. Seit Beginn der Trump-Ära steigt die Zahl der Ankömmlinge, die über die grüne Grenze aus US-Bundesstaaten wie New York, Maine und Vermont kanadischen Boden betreten, stetig.

Als die US-Regierung das Einreiseverbot für Muslime verhängen wollte, machten sich Syrer und Somalier im tiefsten Winter auf den Weg von den USA nach Norden. Derzeit sind es jedoch vor allem Haitianer, die bislang in den USA geduldet waren und die jetzt nach Kanada kommen: Nach dem schweren Erdbeben auf der Insel im Jahr 2010 hatte die damalige US-Regierung veranlasst, dass illegal im Land befindliche Haitianer vorläufig nicht ausgewiesen werden. Die Trump-Regierung hat nun deutlich signalisiert, das Programm im Januar 2018 auslaufen zu lassen. Damit wären auf einen Schlag 58 000 Menschen von der Abschiebung bedroht. Die Ersten von ihnen zieht es deshalb nach Montréal, weil dort bereits eine große haitianische Diaspora zu finden ist.

Eine weitere Rolle spielt die wachsende Feindseligkeit, die viele undokumentierte Einwanderer in den USA spüren. "Das Schlechtmachen von Immigranten in den USA hört nicht auf, es ist unerträglich geworden", zitiert die Zeitung Globe and Mail einen Haitianer, der aus Boston nach Norden ging. "Ich musste einfach etwas tun." Sich viral verbreitende Falschnachrichten über Whatsapp, wonach Kanada geduldete Haitianer ohne weitere Prüfung aufnehme, beschleunigen den einsetzenden Mini-Exodus.

Dabei ist es unwahrscheinlich, in Kanada Asyl zu erhalten: Die Hürden für die Anerkennung sind hoch und das Land hat vergangenes Jahr bereits sein Duldungsprogramm für Haitianer eingestellt. Wer sich an einem offiziellen Grenzübergang meldet, wird ohnehin fast immer direkt zurückgeschickt. In einer Vereinbarung zwischen den USA und Kanada erkennen sich beide als sichere Drittstaaten an; wer nachweisbar bereits vorher einen Fuß in das andere Land gesetzt hat, muss auch dort Asyl beantragen.