Migranten in der Politik:"Es kommt auf den Kandidaten an"

Giousouf hält das auch in Deutschland für möglich. Siehe Bonn mit einem "sichtbar Nicht-Deutschen" als Oberbürgermeister der CDU. Nur ist Ashok Sridharan Katholik. Und wie wäre es mit einem Muslim? "Ja klar! Der müsste auch wie Khan gegen Vorurteile kämpfen und den Kritikern beweisen, dass er nicht zu radikalen Salafisten gehört oder vom Ausland gesteuert wird. So ein Kandidat ist niemals vorurteilsfrei, so wäre das auch in Deutschland."

Interessanterweise gibt es laut Statistiken in Großbritannien nicht mehr Muslime als in Deutschland. Natürlich hat Großbritannien durch das Commonwealth mehr Erfahrungen mit anderen Kulturen und Religionen. Aber vielleicht mag es auch mit der Multikulturalität der britischen Großstädte zu tun haben, überlegt Giousouf und sagt dann: "Aber ich kann mir das auch in Berlin gut vorstellen. Es kommt auf den Kandidaten an."

CDU heißt nun einmal Christlich Demokratische Union Deutschlands. Tatsächlich kennt auch Giousouf Personen, die mit der CDU fremdeln, die aber "überwältigende Sympathien für Bundeskanzlerin Angela Merkel" haben. In jüngster Zeit habe die CDU aber insgesamt ein positives Image bei Einwanderern bekommen.

So sei die türkische Regierungspartei AKP zwar die Schwesterpartei der CDU und vertrete ähnliche Werte, aber "nicht die AKP von heute, sondern vielleicht die von vor zehn Jahren". Beide Parteien sehen Religion und die Werte der Familie als wichtig an. So habe gerade die CDU die Islamkonferenz und den islamischen Religionsunterricht in den Bundesländern eingeführt, in denen sie seit der Jahrtausendwende an der Macht war. Auch sei man für die Ausbildung muslimischer Geistlicher in Deutschland und in deutscher Sprache. "Wir arbeiten daran, dass muslimisches Leben auch strukturell zu Deutschland gehört - auf Augenhöhe."

"Ein Christ als Bürgermeister ist doch auch keine Meldung"

Der SPD-Politiker Turgut Yüksel hat sich lange in der Frankfurter Kommunalpolitik engagiert und ist nun Landtagsabgeordneter in Hessen. "Mich ärgert ein bisschen, dass man das Muslimsein immer wieder in den Mittelpunkt stellt und damit auch stigmatisiert. Es sollte selbstverständlich sein. Wenn ein Christ als Bürgermeister gewählt wird, dann ist das doch auch keine Meldung." London sei nun einmal eine Weltstadt und dass die Einwohnen nun Khan gewählt haben, zeichne die "Normalität dieser Metropole" aus.

"Man hat ihn doch nicht gewählt, weil er Muslim ist, sondern unabhängig davon", sagt Yüksel. Khan habe mit seinen Inhalten, seiner Persönlichkeit und seinem Auftreten überzeugt. Der Labour-Politiker sei von unten gekommen. "Es ist doch auch in Deutschland nicht üblich, dass der Sohn eines Busfahrers den Weg an die Spitze schafft". Es zeichne die Londoner aus, dass sie ihn mit seiner Biografie gewählt haben. Unter den Wählern seien ja nicht nur Muslime gewesen, sondern auch andere Einwanderergruppen und viele Bewohner der englischen Hauptstadt, die einen Wechsel wollten.

Wenn man die Biografie Kahns hervorheben wolle, sei dessen Migrationshintergrund ohnehin viel interessanter als seine Religion. Von vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund höre er gerade, dass sie stolz seien, dass es "einer von ihnen" soweit geschafft habe. Sei es als Referent, als Abgeordneter, als Bürgermeister von Heusenstamm oder eben jetzt von London. Das sende das Zeichen, dass "man alles werden kann, wenn man sich dafür einsetzt."

In Frankfurt etwa habe der überwiegende Teil der heutigen Schüler einen Migrationshintergrund. In zehn Jahren werden sie die Mehrheit der Wähler stellen. Folgerichtig trat dieses Jahr Mike Josef erfolgreich für die SPD als Spitzenkandidat bei der Kommunalwahl an. Ein Mann, der 1983 als Angehöriger der christlichen Minderheit in Syrien geboren wurde. Aber auch hier gilt laut Yüksel: "Man mag ihn und er hat Erfolg, nicht weil er ein Flüchtlingskind ist, sondern weil er für die Zukunft der Stadt steht."

In London zeichne es Labour aus, Khan zum Spitzenkandidaten gemacht zu haben und mit ihm zu gewinnen. "Und in Frankfurt zeichnet es die SPD aus, ein syrischen Aramäer, der für Toleranz und Offenheit steht, vor drei Jahren zum Parteichef gemacht zu haben." Es gibt, sagt Yüksel, eine Veränderung in der Parteilandschaft. Keine Partei werde künftig mehr in einer Großstadt Erfolg haben, wenn sie das vielfältige Lebensgefühl in diesen Städten nicht anspricht.

Und in Berlin, da hätten sie schon längst so einen: Den bekennenden Muslim Raed Saleh, 38, dem Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Roten Rathaus. Auf die Frage, wo denn der Unterschied zwischen ihm und Khan sei, sagte er im Interview mit SZ.de: "Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema