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Wohnen:Warum Städter aufs Land ziehen

Altes Backsteinhaus in Brandenburg frgo

Im ehemaligen Gutshof Gut Stolzenhagen in Brandenburg leben 40 Bewohner mit ihren Kindern.

(Foto: imago/HiPi)
  • Der ländliche Raum verliert an Bevölkerung. Dennoch gibt es auf dem Land einige Kommunen, die versuchen, urbane Menschen anzulocken.
  • Forscher wollen mit einer Studie herausfinden, für wen der Umzug aufs Land überhaupt interessant ist und welche Unterstützung diese Menschen brauchen.
  • Ein Anreiz sei es, den Schritt aufs Land nicht als einzelne Familie zu gehen, sondern mit Freunden, Kollegen, anderen Städtern.

Ein bisschen verrückt muss man schon sein, das sagt Philipp Hentschel selbst. Er ist 36 Jahre alt, arbeitet als Projektmanager in Berlin, hat mit seiner Freundin, einer Programmiererin, zwei Kinder und lebt in Berlin-Friedrichshain. Noch. Denn in ein paar Jahren will Hentschel raus sein aus der Stadt, die immer enger und teurer wird. Gemeinsam mit einigen Dutzend Mitstreitern baut er gerade einen verfallenen Gutshof im Dorf Prädikow in Brandenburg zu einem Wohn- und Arbeitsprojekt um, das einmal 60, 70, vielleicht sogar 100 Erwachsenen und ihren Kindern Raum bieten soll. "Es ist ein Lebensprojekt", sagt Hentschel. Das Interesse ist riesig, die Warteliste längst geschlossen.

Der Hof Prädikow ist eines von 18 Projekten, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in der Studie "Urbane Dörfer - Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann" untersucht hat. Die meisten Projekte liegen in Brandenburg, einige auch im Leipziger Umland. Also in der Nähe jener Städte, in denen der Platz eng wird für junge Kreative und Familien. Für die Studie haben sich die Forscher solche Projekte ausgesucht, in denen zum einen digitale Arbeitsräume entstehen sollen, die Menschen aber anderseits auch leben. Oder, wie im Fall Philipp Hentschels, dessen Projekt noch nicht abgeschlossen ist: leben wollen. Sie stemmen sich gegen einen Trend, der Politik und Gesellschaft seit Jahren beschäftigt.

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Fest stehe, sagt Institutsleiter Reiner Klingholz, dass der ländliche Raum jenseits der Speckgürtel, jenseits von Touristenzentren und jenseits alteingesessener Unternehmen an Bevölkerung verliere. Das treffe auf die ostdeutschen Flächenländer im besonderen Maße zu. "Die Digitalisierung und die Transformation Deutschlands hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft haben diesen Prozess verstärkt." Denn neue Unternehmen siedelten bisher hauptsächlich in den Städten an - und das, obwohl digitales Arbeiten prinzipiell überall stattfinden könne. Ein Problem, das die Politik bereits erkannt habe, sei die Versorgung des ländlichen Raums mit Internet. "Aber ein Kabel im Boden reicht nicht aus, um das Land wiederzubeleben", sagt Klingholz. "Wichtig ist: Was passiert am Ende des Kabels?"

Das Land altert, es wachsen Städte und Speckgürtel

Genau das haben die Autorinnen und Autoren der Studie untersucht. Dabei ist ihnen durchaus bewusst, dass 18 Projekte noch kein Beweis für eine Trendwende sind. Das bereitgestellte Kartenmaterial zeigt da ein klares Bild: In Ostdeutschland sind vor allem die Zentren Berlin, Leipzig und Dresden dicht besiedelt, dorthin ziehen die Jungen. Erreichen die jungen Städter das Alter für die Familiengründung, ziehen sie maximal in die Speckgürtel, also ins Nähere Umfeld der Städte. Das Land altert. Dennoch, so Klingholz, gebe es inzwischen einige Kommunen, die bewusst junge Urbane anlocken. "Sie sind Speckwürfel inmitten des schrumpfenden Raums", sagt er.

An ihrem Beispiel will die Studie herausfinden: Für wen ist ein Umzug aufs Land überhaupt interessant? Welche Unterstützung brauchen die Pioniere - und wo erhalten sie sie? Was braucht es, damit sie nicht ein Ufo-Dasein inmitten unwilliger Dorfbewohner fristen?

Das größte Potenzial sehen die Autorinnen und Autoren bei den sogenannten "Familienwanderern". Also jenen Menschen jenseits der 30, denen die bisher ausreichende Zweizimmerwohnung in Berlin-Friedrichshain zu klein wird, die Vierzimmerwohnung aber ein großes Loch ins Budget reißen würde. Ein Umzug aufs Land scheint da logisch, oder? Silvia Hennig, Gründerin und Geschäftsführerin des Think Tanks "Neuland21" widerspricht: "Für sie besteht eine sehr große soziale Hemmschwelle." Sie fühlten sich dem urbanen Leben verbunden, hätten ein gutes Netzwerk in der Stadt. "Und da stellen sie sich natürlich die Frage: Will ich mich in die soziale Isolation in Brandenburg begeben?"

Menschen ziehen Menschen aufs Land

Eine Lösung ist, den Schritt aufs Land eben nicht als einzelne Familie zu wagen, sondern mit Freunden, Kollegen, anderen Städtern. Die untersuchten Projekte haben daher eines gemeinsam: Es sind mehrere Familien oder Erwachsene an ihnen beteiligt. Sie begeben sich oft auf eine langwierige Suche nach Immobilien, nach Kommunen, die ihren Vorhaben offen gegenüberstehen. Sie könnten aber noch mehr Unterstützung gebrauchen, etwa architektonische Expertise, finanzielle Förderung oder schlicht eine gute Übersicht verfügbarer Immobilien. Einige Kommunen haben das Potenzial bereits erkannt, das sich hier eröffne, sagen die Studienleiter, engagierte Bürgermeister werben für einen Umzug in ihre Gemeinden. Vor allem, da die akademisch geprägten Initiativen sich in der Regel besonders für jene Gebäude interessierten, die ansonsten verfallen: alte Fabriken, Gutshöfe, Dorfwirtschaften.

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Die Zuzügler seien auch gut für das Sozialleben. Viele der Städter eröffnen in den Dörfern Cafés, Hofläden, organisierten Kulturfestivals oder gründeten Initiativen für die Nahversorgung mit Lebensmitteln. Und dort, wo erst einmal derartige Initiativen entstünden, zögen oft noch andere Städter nach, sagt Silvia Hennig: "Es ist so, dass Menschen Menschen aufs Land ziehen." Und eben nicht allein die schnelle Internetverbindung. Nach und nach entstünden immer mehr Netzwerke, die als Anlaufstellen für weitere Umzugswillige dienten - privat, nicht staatlich gefördert.

"Tägliches Pendeln können sich die wenigsten auf Dauer vorstellen"

Aber wie finden das eigentlich die Alteingesessenen, wenn plötzlich um sie herum selbsternannte "Makerspaces" entstehen? "Wir dürfen nicht hinkommen und sagen: Wir wissen, wie man richtig lebt und arbeitet und zeigen Euch das", sagt Philipp Hentschel. Klar sei, dass die Neuankömmlinge den Kontakt bewusst suchen müssen. Eines seiner ersten Projekte in Prädikow ist es daher, die alte Dorfscheune zu einem Veranstaltungsort für alle umzubauen und zwar mit den Alteingesessenen. "Die sind teilweise engagierter dabei als wir", sagt er. Auch ihre zukünftige Behausung, der verfallene Gutshof, interessiere die Anwohner sehr. Er sei immerhin jahrelang gesperrt gewesen. Das sei häufig so, sagt Silvia Hennig: "Wenn die Projekte zum Beispiel in Fabriken entstehen, in denen die Leute früher gearbeitet haben, ist das gleich ein Anknüpfungspunkt."

Und wie sieht es mit der Arbeit aus? Viele der ehemaligen Städter in den untersuchten Projekten können im Homeoffice oder im Coworking Space arbeiten, einige pendeln weiterhin nach Berlin - "aber tägliches Pendeln können sich die wenigsten auf Dauer vorstellen". Daher orientierten sich einige auch beruflich neu. Sei es, dass sie ihre Arbeit als Arzt, als Erzieherin, als Heilpraktiker nun eben dort ausübten, wo sie leben. Sei es, dass sie sich die Infrastruktur, die sie brauchen, selbst schaffen - zum Beispiel über eine Kitagründung oder eben den erwähnten Hofladen. Oder sei es, dass sie sich gleich einen neuen Job suchten. Philipp Hentschels Frau zum Beispiel hat auf Tischlerin umgelernt. In Prädikow hat sie bereits zwei junge Menschen gefunden, die gerne bei ihr eine Ausbildung machen würden.

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