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Michael Spreng:"Schulz instrumentalisiert seine eigene Geschichte für den Wahlkampf"

Führt die SPD als Parteichef und Kanzlerkandidat in den Bundestagswahlkampf: Martin Schulz.

(Foto: AP)

Politikberater Michael Spreng erklärt, warum der SPD-Aufschwung die Union überrumpelt hat und woher die "Merkelmüdigkeit" der Wähler kommt.

Michael Spreng, Jahrgang 1948, ist Politikberater und betreibt den Blog "Sprengsatz". Der langjährige Journalist fungierte unter anderem als Chefredakteur von Bild am Sonntag und managte 2002 den Wahlkampf des damaligen Unions-Spitzenkandidaten Edmund Stoiber, der nur knapp die Kanzlerschaft verpasste.

SZ: Herr Spreng, hätten Sie es Anfang des Jahres für möglich gehalten, dass in Umfragen die SPD nahezu gleichauf mit der Union liegt?

Michael Spreng: Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen. Alle Profis und Amateure sind überrascht worden. Die gesamte mediale und politische Klasse - also auch ich - ist damals davon ausgegangen, dass Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidat antritt. Er wäre chancenlos gewesen - im Gegensatz zu Martin Schulz.

Wie ist erklärbar, dass Schulz so viel mehr potentielle Wähler anspricht als Gabriel?

Da kommen mehrere Faktoren zusammen: Schulz ist in der Innenpolitik ein frisches Gesicht, seine Kandidatur kommt zu einer Zeit, in der sich eine latente Merkelmüdigkeit in der Republik breit macht und durch Schulz virulent wird.

Bedeutet Merkelmüdigkeit zwangsläufig auch Wechselstimmung?

Wir stehen zumindest am Beginn einer Wechselstimmung. Die Leute - und das ist neu - können sich zumindest vorstellen, dass jemand anderes ins Kanzleramt einzieht. Schulz trauen sie es zu.

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Was kann Schulz, das Merkel nicht kann?

Schulz beherrscht eine bildhafte, klare Sprache. Merkel kann nicht gut reden. Schulz ist emotional, Merkel zeigt keine Emotionen. Schulz ist perfekt im Storytelling, Merkel kann keine Geschichten erzählen.

Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie bei Merkel und Schulz?

Beide sind authentisch, sympathisch und glaubwürdig. Aber die Unterschiede geben letztendlich den Ausschlag.

Ein weiterer Unterschied ist die politische Erfahrung. Merkel ist bald 12 Jahre Kanzlerin, vorher war sie Ministerin, dazwischen war sie Oppositionsführerin. Schulz hat sich als Europapolitiker einen Namen gemacht, in der Bundespolitik war er nicht, regiert hat er nur als Bürgermeister von seinem Heimatort Würselen. Warum scheint das sich nicht negativ auszuwirken?

Die Kunst des Wahlkampfes ist, aus Schwächen Stärken zu machen. Schulz hat keine bundespolitische Erfahrung, aber er hat in der Kommunalpolitik gestaltet. Also macht er Würselen zum Bezugspunkt für alle Wähler. Denn irgendwie ist Würselen ja überall in Deutschland. Schulz stellt nicht Europa in den Mittelpunkt - obwohl das seine große Kompetenz ist -, sondern das Thema soziale Gerechtigkeit.

Bei Auftritten spricht Schulz auch offen über seine Zeit als Alkoholiker in jungen Jahren. Ist so viel Offenheit clever?

Durchaus. Es ist nicht ja nur Offenheit, es ist auch Berechnung. Er instrumentalisiert seine eigene Geschichte für den Wahlkampf: Ich komme von ganz unten, ich bin auch schon gescheitert, ich habe mich wieder aufgerappelt. Das sind ja alles Bilder, die sich sofort in den Köpfen der Wähler festsetzen und sie an Stationen ihres eigenen Lebens erinnern.

Bis zur Bundestagswahl ist es noch knapp ein halbes Jahr hin. Was muss die SPD tun, damit der Schulz-Effekt anhält?

Die SPD kann das Momentum verlängern und verfestigen mit Erfolgen bei den Landtagswahlen.

Das Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen wählen...

Entscheidend ist die NRW-Wahl. Wenn Hannelore Kraft wieder Ministerpräsidentin wird, dann haben wir den Effekt, dass der Erfolg den Erfolg nährt. Aber das ist noch eine lange Wegstrecke, entschieden ist natürlich noch nichts. Merkel verfügt über reichlich Erfahrung und als Regierungschefin über zahlreiche Chancen, sich international in Szene zu setzen.

Unionsintern ist Merkel ja nicht unumstritten. Inwieweit sind die nun schon seit 2015 andauernden Querelen der CSU ein Malus für den Wahlkampf?

Einerseits hat die CSU nun das Problem, Wähler für Merkel zu mobilisieren. Sie hat ja seit eineinhalb Jahren demobilisiert, was Merkel geschadet hat. Zuletzt gab es die lustlose Pressekonferenz von CSU-Chef Seehofer mit Merkel, die eher wie eine Beerdigung gewirkt hat statt wie ein Aufbruch. Seehofer sagt, sie gehen in keine Regierung, die keine Obergrenze für Flüchtlinge beschließt. Mit anderen Worten: Die CSU trommelt nun für eine Spitzenkandidatin, die sie nach der Wahl vielleicht gar nicht mehr unterstützt. Diese Widersprüche bleiben den Wählern nicht verborgen, die lassen sich nicht übertünchen.

Die CSU setzt auf einen traditionellen Lagerwahlkampf gegen Rot-Rot-Grün. Ist das eine gute Idee?

Das ist aus der Not geboren. Gegen Schulz ist der CDU/CSU bislang nichts eingefallen. Alle Angriffe sind bislang versandet und an ihm abgeprallt: Weder angebliche Brüsseler Affären, noch Trump-Vergleiche oder seine frühere Vorliebe für den EU-Beitritt der Türkei haben ihm geschadet. Also bleibt der Union nur noch Rot-Rot-Grün, das noch manche Wähler aktiviert. Doch wir wissen ja aus zurückliegenden Wahlen, dass dieses Thema mehr und mehr an Zugkraft verliert. Und Schulz macht auch nicht den Fehler, sich auf diese Diskussion einzulassen.

Die Umfragen zeigen auch, dass das Duell Merkel gegen Schulz auf Kosten der kleineren Parteien geht.

Wenn Elefanten kämpfen, haben die Kleinen nicht mehr so viel zu melden. Die Grünen kommen unter die Räder, ebenso die Linke und auch die AfD. Nicht weniger AfD-Sympathisanten waren auch diese gefühlte Alternativlosigkeit im Kanzleramt leid. Wer Merkel einfach nur weg haben will, hat jetzt eine ernstzunehmende Option. Schulz ist sozusagen die Alternative für Deutschland.

Im Bundestag sehen Sie die AfD aber trotzdem?

Ja, denn in den letzten Jahren hat sich eine rechte und rechtsradikale Stimmung verfestigt, die sich bei der Wahl mit mehr als fünf Prozent niederschlagen wird.

Wen würden Sie denn lieber beraten im Wahlkampf: Merkel oder Schulz?

Beide werden mich nicht fragen, aber es ist natürlich leichter anzugreifen, als zu verteidigen. Angreifen macht auch mehr Spaß.

© SZ.de/ees
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