Michael Avenatti:Als Adrenalin-Junkie fährt Avenatti Autorennen

Avenatti ist gerade in der Phase, in der mögliche Kandidaten ihre Glaubwürdigkeit darlegen und die Motivation für ihre Mission beschreiben. Er redet etwa über seine einfache Herkunft im Mittleren Westen. Geboren in Kalifornien, aufgewachsen in Utah, Colorado und Missouri. Als sein Vater nach 31 Jahren bei der gleichen Firma entlassen wurde, habe er miterlebt, wie dieser weinend zu Hause zusammengebrochen sei. "Da habe ich beschlossen, Anwalt zu werden, um den kleinen Leuten zu helfen", sagt er. Über Avenattis Privatleben ist sonst wenig bekannt, nur dass er zweimal verheiratet war und eine Tochter und einen Sohn hat.

Menschen, die ihn gut kennen, beschreiben ihn als Adrenalin-Junkie. Dazu passt sein Hobby: Autorennen. Zwischen 2010 und 2015 fuhr er zahlreiche Rennen in Amerika und Europa, unter anderem die Prestige-Rallys von Le Mans und Daytona.

Nachdem er anfangs bei einer Kanzlei angestellt war, machte er sich 2007 selbständig. Schnell übernahm er große Fälle, unter anderem gegen Prominente wie Paris Hilton und Jim Carrey, und konnte für seine Klienten Urteile und außergerichtliche Einigungen im zwei- und dreistelligen Millionenbereich erwirken. Zusammen mit dem Schauspieler und "Grey's Anatomy"-Star Patrick Dempsey kaufte er 2013 die Kaffeekette Tully's. Wegen Streitigkeiten mit Dempsey und anderen Schwierigkeiten machte die Firma inzwischen dicht.

In Stil und Rhetorik orientiert sich Avenatti an Trump. Nur dass er nicht gegen die angeblichen Eliten austeilt, sondern gegen den US-Präsidenten selbst. "Er bezeichnet mich als 'gruseligen Porno-Anwalt', dabei ist doch er der 'gruselige Porno-Präsident'", ruft er in die Menge. Michelle Obama sagte während des Wahlkampfes 2016 den viel zitierten Satz: "When they go low, we go high." Frei übersetzt: "Wenn sich die anderen nicht benehmen können, antworten wir mit Anstand und Stil." Avenattis Antwort in der Trump-Ära: "Ich würde sagen: Wenn sich die anderen nicht benehmen können, schlagen wir umso härter zu."

"Mit Liebenswürdigkeit können wir gegen Trump nicht gewinnen. Sein Gegner muss ein Kämpfer sein. Einer, der weiß, wie man zurückschlägt." Sagt Avenatti, und meint natürlich sich selbst. Lieber Desperado als Diplomat. Er trifft damit einen Nerv in Teilen der Partei.

Viele Demokraten haben keine Lust mehr, die Vernünftigen zu sein

Trotz seiner streitlustigen Rhetorik bekennt sich Avenatti zum Standardprogramm der Demokraten. Er ist etwa für die Reglementierung von Schusswaffen, will in öffentliche Schulen investieren sowie in einen Infrastrukturplan. Und er fordert eine Krankenversicherung für alle Amerikaner. Als die Trump-Regierung vor einigen Monaten an der Grenze Kinder von ihren illegal eingereisten Eltern trennte, reiste er in die Grenzregion und unterstützte betroffene Familien juristisch.

Und was antwortet er Menschen, die glauben, er sei nicht qualifiziert genug, um US-Präsident zu werden? "Qualifiziert?", Avenatti schnauft verächtlich. "War Trump etwa qualifiziert? Eben. Und doch hat er alle geschlagen. Schon bei den Vorwahlen und dann auch noch Hillary, die wohl am besten qualifizierte Kandidatin." Qualifikation hin oder her, die richtige Mentalität sei hier gefragt. Er könnte es sich schließlich nie verzeihen, nichts getan zu haben und dann am Wahlabend 2020 vor dem TV Trumps nächste Siegesrede verfolgen zu müssen.

Avenattis Kandidatur heißt nicht, dass ihn die Demokraten auch wählen. Doch verkörpert er die Wut und das Gefühl vieler Progressiven, dass Fairness und politische Manieren zu nichts mehr führen. Dieses Gefühl hat eine lange Geschichte - von dem umstrittenen Wahlsieg George W. Bushs im Jahr 2000 über die republikanische Blockade des Supreme-Court-Kandidaten Merrick Garland in der Amtszeit Barack Obamas bis zu der Rücksichtslosigkeit, mit der Trump und seine Partei gegen Normen verstoßen und eine Politik gegen die Mehrheit machen.

Nach dem jahrelangem Tauziehen mit den Republikanern und zwei Jahren mit Trump haben viele Demokraten keine Lust mehr, die Vernünftigen zu sein. Und Avenattis Beliebtheit zeigt, dass die Demokraten kampfbereit sind - mit allen Mitteln.

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