MH17-Abschuss über Ukraine Ein-Mann-Nachrichtenagentur

Initialzündung für die Karriere des Investigativ-Bloggers war der Arabische Frühling. Higgins verfolgte die Beiträge im Fernsehen, war frustriert über die Berichterstattung der Medien. YouTube-Videos, Twitter-Accounts, Facebook-Posts, die Informationen waren da, aber keiner nutzte ihr volles Potenzial.

Im syrischen Bürgerkrieg avancierte Higgins dann zum Experten. Vom heimischen Sofa aus deckte er auf, dass die syrische Regierung verbotene Streubomben einsetzte - obwohl Machthaber Baschar al-Assad dies vehement leugnete. In Zusammenarbeit mit der New York Times legte er den Schmuggel kroatischer Waffen über Saudi-Arabien bis ins syrische Kriegsgebiet offen.

Higgins scannte YouTube-Kanäle und Facebook-Posts von Soldaten, er verglich Detail-Aufnahmen von Kriegsgerät und Munition. Und konnte so geheime Truppenbewegungen nachzeichnen, ganz legal: Er hackte nicht, er hörte niemanden ab. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er zunächst auf seinem eigenen Blog unter dem Pseudonym Brown Moses. Der Name führte zu diskriminierenden und antisemitischen Kommentaren, war aber nur ein Songtitel von Frank Zappa.

Waffensuche im Wohnzimmer

Vom Arbeitslosen zum Waffenexperten: Eliot Higgins deckt von seiner Couch in England aus Waffenschmuggel im 4500 Kilometer entfernten Syrien auf. Menschenrechtsorganisationen und internationale Medien zitieren ihn und loben seine Arbeit. Trotzdem könnte für sein Blog bald Schluss sein. mehr ... jetzt.de

Selbst die Positionen von IS-Kameras kann Higgins bestimmen

Immer intensiver setzte Higgins sich mit Waffen und Munition im syrischen Bürgerkrieg auseinander, wurde zum Experten, zur "Ein-Mann-Nachrichtenagentur", wie er sich selbst bezeichnete. Zitiert wurde er vom Guardian, der New York Times, von erfahren Kriegsberichterstattern. Und das ohne ein Wort Arabisch zu sprechen, ohne entsprechende Ausbildung, ohne Politik- oder Journalismus-Studium.

Als im vergangenen August Henker des Islamischen Staates den US-amerikanischen Journalisten James Foley köpften, bestimmte Eliot Higgins den Ort der Hinrichtung und sogar die Positionen der Kameras mit Hilfe von Geo-Lokalisierungstechniken, die er sich selbst beigebracht hatte. In den Krisengebieten Syriens, wo kaum noch ausländische Journalisten sind, stellen Higgins' Karten wichtige Informationsquellen dar.

Kritik an Eliot Higgins' Arbeit kam von Richard Lloyd und Theodore Postol vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). In einem Brief an die London Review of Books warfen die beiden Forscher ihm vor, seine angeblichen Erkenntnisse über die Saringas-Angriffe abhängig von der aktuellen Faktenlage immer wieder zu verändern. Außerdem behaupteten sie, viele von Higgins' Entdeckungen seien Derivate ihrer eigenen Forschung.

Bellingcat ist ein Vollzeitjob, das Geld trotzdem knapp

Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad wuchs der Druck auf Eliot Higgins. Woher bekommt dieser Brown Moses seine Informationen? Nach der Streubombenenthüllung gab Higgins sein Pseudonym auf, er wurde real.

Higgins hielt analoge Vorträge, bekam ein Jobangebot. Doch der Blogger wollte unabhängig bleiben. Mit Hilfe einer Kickstarter-Kampagne finanzierte er 2014 die Gründung von Bellingcat. Mehr als 1.700 Unterstützer gaben insgesamt rund 50.000 Pfund. Das übertraf Higgins' Vorstellungen. Und doch bleibt die Zukunft der Investigativ-Plattform unsicher. Für Eliot Higgins ist Bellingcat ein Vollzeitjob, seine Mitstreiter bezahlen kann er jedoch nicht.

Mittlerweile hat Higgins seinen Arbeitsplatz verlegt. Vom Sofa in ein kleines, anonymes Büro. Ein beinahe leerer Raum, ein Schreibtisch, ein paar Stühle. Und ein Laptop.