Mexiko Überleben ist Glückssache

Warten auf Einlass ins „gelobte Land“: Zentralamerikaner, die sich in der „Karawane“ organisiert haben, schlafen in Tijuana, an der Grenze zur USA.

(Foto: Guillermo Arias/AFP)

Jährlich versuchen Hunderttausende Migranten aus Honduras, El Salvador und Guatemala, in die USA zu gelangen - schon in Mexiko stoßen sie auf hohe Hürden.

Von Boris Herrmann und Christian Zaschke, New York/Rio de Janeiro

Die Migranten in Tijuana haben jetzt wieder Hoffnung. Seit Sonntag warten etwa 200 Menschen an der mexikanisch-amerikanischen Grenze darauf, die Erlaubnis zu erhalten, um Asyl in den USA bitten zu dürfen. Zunächst sagten die amerikanischen Behörden, ihre Kapazitäten seien derzeit erschöpft. Am Montagabend ließen sie schließlich doch acht Menschen vor, drei Mütter mit vier Kindern und einen 18 Jahre jungen Mann. Der Rest hofft jetzt, nach und nach ebenfalls vorgelassen zu werden - sehr zum Verdruss von US-Präsident Donald Trump, der nicht müde wird zu betonen, die amerikanischen Einwanderungsgesetze seien viel zu lasch. Noch am Montag äußerte er sich auf Twitter: Die Ankunft der Migranten in Tijuana zeige, wie "schwach und ineffektiv" die amerikanischen Gesetze seien.

Die Migranten stammen größtenteils aus Zentralamerika und sind Teil einer sogenannten Karawane, die in den vergangenen Wochen nordwärts durch Mexiko gezogen ist. Solche Karawanen gibt es seit fast zehn Jahren. Sie werden von der Menschenrechtsgruppe Pueblo Sin Fronteras ("Volk ohne Grenzen") organisiert. Dabei treffen sich zentralamerikanische Migranten traditionell am Osterwochenende an der mexikanischen Südgrenze, um gemeinsam in Richtung USA zu marschieren, ins gelobte Land.

Die Organisatoren sprechen von einem "Kreuzweg". Aber es handelt sich nicht um eine Pilgerreise, sondern um eine Mischung aus Protest und Flucht. In diesem Jahr schlossen sich am Palmsonntag etwa 1500 Menschen der Karawane an, darunter alleinreisende Kinder, schwangere Frauen, Alte, chronisch Kranke, Schwule und Lesben, die in ihren Heimatländern verfolgt werden. Auf ihrem langen Fußweg skandierten sie: "Wir sind Migranten, keine Kriminellen!"

Internationale Aufmerksamkeit wurde der Aktion erstmals vor wenigen Wochen zuteil, nachdem Trump einen Fernsehbericht auf seinem Hofsender Fox News gesehen hatte und anschließend in wütenden Tweets über die Karawane schimpfte. Diese Botschaften erhöhten den Druck auf die mexikanischen Behörden, den Marsch zu stoppen. Im zentralmexikanischen Puebla wurde die Karawane vor rund zwei Wochen offiziell aufgelöst. Etwa 300 Teilnehmer schlugen sich dennoch bis zur Nordgrenze durch. Eine erste Gruppe erreichte Mitte vergangener Woche die Stadt Mexicali, die zweite an diesem Wochenende Tijuana. Dort sitzen die Migranten jetzt an den Zäunen und Mauern fest.

Jedes Jahr versuchen etwa eine halbe Million Menschen, Mexiko von Süden nach Norden zu durchqueren, die meisten stammen aus Honduras, El Salvador und Guatemala. Alle drei Länder sind geplagt von extremer Gewalt. In Honduras und El Salvador kontrollieren kriminelle Jugendbanden, die sogenannten Maras, ganze Städte. Wer von dort flüchtet, flüchtet aus einem Krieg.

Auf die Migranten warten Drogenkartelle, korrupte Beamte und Entführungskommandos

Mehrmals hat Trump Mexiko vorgeworfen, diesem Exodus tatenlos zuzusehen. Das Gegenteil ist der Fall. Die mexikanischen Behörden suchen erst gar keine Vorwände, um Flüchtlinge rauszuwerfen. Sie deportierten im vergangenen Jahr knapp 150 000 Menschen nach Süden, meist innerhalb von 36 Stunden, nachdem sie aufgegriffen wurden - und ohne zuvor ein Asylverfahren zu prüfen. Mexiko verstößt damit systematisch gegen sein eigenes Migrationsgesetz.

Unter dem Namen "Programm Südgrenze", das Präsident Enrique Peña Nieto vor drei Jahren mit Trumps Vorgänger Barack Obama abgestimmt hatte, gehen die Mexikaner gegen zentralamerikanische Flüchtlinge gezielt und besonders hart vor. Viele verschwinden auf ihrem Weg nach Norden spurlos. Überleben ist Glückssache auf dieser Flüchtlingsroute, die als die gefährlichste der Welt gilt. Wer überhaupt in Tijuana oder Mexicali ankommt, der ist auf seinem Weg Entführungskommandos, Drogenkartellen und korrupten Beamten ausgewichen. Der hat endlose Waldmärsche und Fahrten in heillos überfüllten Güterzügen hinter sich. Eine Chance anzukommen gibt es nur für jene, die genug Schmiergeld bezahlen können.

Auch dem Rest der Karawane, der jetzt in Tijuana campiert, verweigert der mexikanische Staat das Recht auf ein ordentliches Asylverfahren. Wer es nach Ablauf seines 20 Tage gültigen Transitvisums nicht über die Grenze geschafft hat, kann in Mexiko jederzeit verhaftet werden. Von Trumps Rhetorik lassen sich diejenigen, die die strapaziöse Reise hinter sich gebracht haben, nicht abschrecken. Sie wollen ausharren, bis die Grenzbehörden sich ihrer annehmen. Von Freiwilligen werden sie mit Essen und Decken versorgt, kostenlos arbeitende Rechtsberater erklären den Migranten, was sie bei einem Antrag auf Asyl zu beachten haben.

Wer an der Grenze vorgelassen wird, muss den Beamten glaubhaft versichern können, dass er einer konkreten Bedrohung ausgesetzt ist und dass bei einer Rückkehr ins Heimatland Gefahr für Leib und Leben besteht. Gelingt dieser Nachweis, erhalten die Migranten einen Gerichtstermin, bei dem endgültig über den Asylantrag entschieden wird. Allerdings erscheinen manche Migranten nicht zu diesem Termin und versuchen stattdessen, illegal in den USA zu leben.

Die Verringerung der Einwanderung ist Trumps zentrales Thema. Erst vergangene Woche trug er dem Heimatschutzministerium auf, "diese Karawane von Menschen" nicht ins Land zu lassen, das Ganze sei "eine Schande". Dass die Grenzer dennoch begonnen haben, erste Fälle zu prüfen, hat die Lage am Übergang von Tijuana nach San Diego vorerst entspannt.