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Legendärer Staatskanzler von Österreich:Ein Pflichtmensch namens Metternich

Wiener Kongress 1814/1815

Die große Bühne für Metternich: der Wiener Kongress

(Foto: Scherl)

Historiker Wolfram Siemann hat eine Biografie des Friedenspolitikers Metternich geschrieben. Der Stoff wirkt gespenstisch aktuell.

Dass die Biografie Clemens von Metternichs ein erstrangiger Stoff der Geschichtsschreibung ist, hat nicht nur wissenschaftliche Gründe. Zwar ist die Renovierung eines Bildes, das zwischen nationalistischen und sozialdemokratischen Aburteilungen kaum noch schwankte, überfällig: Wenn Heinrich von Treitschke ("Charakterlosigkeit") und Hans-Ulrich Wehler ("Perfidie") übereinstimmen, dann stimmt etwas nicht.

Wie falsch es ist, zeigte vor fünf Jahren eine kurze, der ausstehenden Materialbiografie vorgreifende Darstellung Wolfram Siemanns, die den deutschnational-sozialkritischen Muff herkömmlicher Metternich-Bilder mit energischem Schwung von der Schultafel wischte. Und jetzt ist das große Buch da.

Seit dem völkisch-großdeutschen Historiker Heinrich Ritter von Srbik ist Siemann - Kenner des 19. Jahrhunderts und ein ausgewiesener Sozialhistoriker - der erste Forscher, der den heute in Prag liegenden Nachlass Metternichs systematisch ausgewertet hat. Er ging damit über die punktuelle Verwendung des Aktenmaterials der Außenministerien nach Art von Henry Kissingers brillanter Doktorarbeit zum Wiener Kongress weit hinaus.

Zum ersten Mal hat man Gelegenheit, Metternichs unbestrittene Großleistung, die auf Feldzügen und Kongressen von 1813 bis 1815 im engen Kontakt mit den Monarchen und Ministern der europäischen Großmächte ausgehandelte europäische Friedensordnung, in den Zusammenhang seiner Biografie und seines Denkens zu stellen. Und zwar eines Denkens, das reflektiert und weitsichtig auf die Erfahrungen der Revolutionsepoche reagierte.

Literaturbeilage

Aus einem schlauen Kavalier wird ein verantwortungsethischer Staatsmann. Metternichs zwei Lebensleistungen, der Kampf gegen einen rechtsbrüchigen Diktator und die stabile Koordination einer völkisch aufgewühlten Staatenwelt, berühren aktuell wie schon lange nicht mehr.

Der große Zweikampf mit dem Kaiser der Franzosen

Da Metternich vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Revolution von 1848 im österreichischen Staatsdienst tätig war, seit 1809 als unermüdlich lesender, schreibender und sammelnder Amtschef, kann der Biograf aus einem unglaublich reichen Quellenmaterial schöpfen.

Die dabei erreichte Anschaulichkeit erlaubt es, Fremdes und Exemplarisches viel präziser als bisher zu trennen. Schon Details der diplomatischen Technik und Kommunikation, die Siemann ausbreitet, wie Metternichs auf mehrere Kutschen und Fahrzeuge verteiltes Feldbüro von 1813/14 sind unschätzbar: Außenpolitik war harte, gründliche Arbeit, oft als Gipfeldiplomatie in Schmutz und Kälte, von Tag zu Tag, im Zeitdruck der Schlachten und Krisen. Metternich, der schöne Galan, war vor allem ein penibel genauer Pflichtmensch.

Kaiserzeit in Deutschland und Österreich

Majestätsbeleidigungen - "Ich scheiße auf Seine Majestät"

All das ist umso erregender, weil Metternich selbst ein ausgeprägtes Epochenbewusstsein hatte. 1820 schrieb er: "Mein Leben ist in eine abscheuliche Periode gefallen. Ich bin entweder zu früh oder zu spät auf die Welt gekommen; jetzt fühle ich mich zu nichts gut. Früher hätte ich die Zeit genossen, später hätte ich dazu gedient, sie wieder aufzubauen; heute bringe ich mein Leben zu, die morschen Gebäude zu stützen. Ich hätte im Jahre 1900 geboren werden und das 20. Jahrhundert vor mir haben sollen."

So schreibt kein Reaktionär, der Metternich übrigens auch als fortschrittlicher Wein- und Stahlproduzent nicht war. Der von Siemann herausgearbeitete Abstand zur Klage preußischer Junker über die Kommerzialisierung des Grundbesitzes ist schlagend.

Der 1773, vier Jahre nach Napoleon, geborene Metternich war ein Erbe des kosmopolitischen deutschen Reichsadels, der durch das Ende des Alten Reichs 1806 seine Stellung verlor. Als Sohn eines aufgeklärten Staatsdieners der damals durchaus reformbereiten habsburgischen Monarchie, als Schüler und Student in Straßburg und Mainz, dann als Besucher Englands kam der junge Reichsgraf schon bis 1794 mit allen maßgeblichen historischen Kräften seiner Zeit in Kontakt.

Wolfram Siemann: Metternich. Stratege und Visionär. Eine Biographie. Verlag C.H. Beck, München 2016. 983 Seiten, 34,95 Euro. E-Book: 29,99 Euro.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Sein sanfter Hofmeister Johann Friedrich Simon verwandelte sich in einen rabiaten Pariser Jakobiner, der als Konventskommissar dem von den Franzosen eroberten Mainz 1793 die Republik gewaltsam oktroyierte; einer der Professoren Metternichs wurde Präsident des dortigen rheinisch-deutschen Nationalkonvents.

Andere seiner akademischen Lehrer hingen dagegen den englisch-ständischen Freiheitsbegriffen an, die Edmund Burke schon 1790 in seinen "Betrachtungen zur Revolution in Frankreich" gegen die totalitäre Logik der Pariser Revolution in Stellung brachte. Dass Metternich Burkes Schrift in der Erstausgabe erwarb und seinen Verfasser in London als Parlamentsredner bewunderte, beweist nicht nur eine lebenslange intellektuelle Wachheit, es lässt auch erkennen, dass Metternichs Vorbehalte gegen die Revolution gründlich reflektiert waren.