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Messerattacke in Hamburg:Zwischen Terror und Wahn

Polizeibeamte sichern den Tatort Messerattacke in Hamburg Angreifer tötet Kunde eines Edeka Super

War die Bluttat wirklich eine islamistisch motivierte Attacke? In diesem Supermarkt in Hamburg tötete der staatenlose Palästinenser Ahmad A. im vergangenen Juli einen Mann und verletzte sechs weitere Menschen.

(Foto: Lars Berg/imago)
  • Ahmad A., der im Juli 2017 in einem Hamburger Supermarkt einen Menschen getötet und sechs weitere verletzt hat, möchte unbedingt als islamistischer Attentäter gesehen werden.
  • Gutachter zweifeln nicht an seiner Schuldfähigkeit, sehen aber psychische Auffälligkeiten.
  • Die Grenze zwischen Terror und Wahn ist schmal und muss differenziert betrachtet werden.

Von Georg Mascolo und Ronen Steinke

Ahmad A. hat ein Bild aus einer Wochenzeitung herausgetrennt. Aus dem Wissenschaftsteil. Die Illustration zeigt ein menschliches Herz, man sieht die Gefäße, rot auf weißem Hintergrund, sie beginnen oben dick und stark, dann verästeln sie sich nach unten hin immer weiter. Wie die Blitze in einem Gewitter.

Das kenne er, soll Ahmad A., 26, in der Haftanstalt gesagt haben. Es gebe Phasen, da sei sein Herz krank, da packe ihn einfach die Angst. Das dauere etwa einen Monat. Der Zustand trete ganz plötzlich auf. Vor allem hänge das mit Geräuschen zusammen. Er könne böse Menschen "spüren und erkennen", spätestens seit März 2016 wisse er, dass "jemand hinter ihm her" sei. Er sei ohnehin sehr misstrauisch. Er tue dann Dinge, die er sonst nicht tun würde.

Ahmad A.s Täterschaft steht außer Frage

Der Untersuchungshäftling Ahmad A., ein staatenloser Palästinenser, wartet seit fünf Monaten auf seinen Prozess, Psychiater und Psychologen haben ihn oft besucht in dieser Zeit. An diesem Freitag nun soll es losgehen vor dem Hamburger Oberlandesgericht. Die Richter werden die Frage zu klären haben: Ist der junge Mann ein Terrorist? Dieser Fall lässt selbst die Ermittler zweifeln.

Ahmad A. ist gefasst worden, nachdem er am 28. Juli 2017 in einem Edeka-Markt im Hamburger Stadtteil Barmbek ein Messer aus der Verpackung riss und auf Menschen einstach. Ein 50-jähriger Mann wurde getötet, sechs weitere Passanten wurden verletzt. Ahmad A.s Täterschaft steht außer Frage. Er hat sogar erklärt, er bereue nur, dass er nicht noch mehr Menschen getötet habe.

Seither hat er deutlich gemacht, dass er unbedingt als islamistischer Attentäter gesehen werden möchte. Er wäre dann im vergangenen Jahr der einzige erfolgreiche in Deutschland gewesen. Deshalb hat A. einen Polizisten aufgefordert, neben seine Unterschrift auf einem Formular den Satz hinzuzufügen: "Ja, ich bin Terrorist." Auch hat er betont, er habe für Gott und den Propheten getötet. "Es ging darum, dass ihr wisst, dass unser Blut nicht niedriger ist als euer Blut. Ich habe auch Opfer gesucht von euren Kindern." Er fordere alle Muslime auf, sich zum "Islamischen Staat" (IS) zu bekennen.

Andererseits sind die psychischen Auffälligkeiten unübersehbar, eine Psychologin listete sie auf: paranoider Wahn, Ich-Störung, emotionale Starre. Am Ende stellte sie die Frage, ob A. die Tat im Zuge eines psychotischen Schubs begangen haben könnte, "überschwemmt von paranoid besetzten Wahrnehmungen". Die Bundesanwaltschaft beauftragte den Psychiater Norbert Leygraf, ein Gutachten zu erstellen. Er hat zweimal vier Stunden mit dem Untersuchungshäftling Ahmad A. verbracht.

Viele Attentäter sind psychsisch auffällig

Es ist ein Grenzfall. Das ist keine Seltenheit, solche Fälle häufen sich: Der IS ist eine Organisation, in der labile Persönlichkeiten, psychisch Kranke, Frustrierte oder gewaltbereite Menschen ihren Platz finden können. Im letzten Moment laden sie ihre Tat mit einer vermeintlich größeren Bedeutung auf. Die britische Polizei wies bereits vor Monaten darauf hin, dass der IS sich gezielt darum bemühe, Personen mit psychischen Problemen anzuwerben. Auch deutsche Polizisten sind besorgt über diesen Täter-Typus, intern nennt sie mancher "Psycho-Sprengsätze". In den Gefährdungsbewertungen werden sie oft in der höchsten und riskantesten Kategorie eingeordnet. Inzwischen sind viele Flüchtlinge darunter.

Psychisch auffällige Menschen tauchen bei vielen Attentaten und Ermittlungsverfahren auf. Der syrische Asylbewerber Mohammed D. etwa, der 2016 in Ansbach ein Weinlokal attackierte, war vorher in psychiatrischer Behandlung gewesen. Der Frankfurter Islamist Halil D., der Sprengsätze bastelte und ein Radrennen in Oberursel auskundschaftete, wurde kurz vor seiner Freilassung in die Psychiatrie verlegt. Es gebe Hinweise, dass er an paranoider Schizophrenie erkrankt sei, hieß es. Auch der Attentäter von Nizza, der im Juli 2016 an der Strandpromenade 86 Menschen tötete, ein Franko-Tunesier, soll nach Angaben seiner Familie wegen psychischer Probleme Medikamente genommen haben.

Taten sind nicht immer so politisch, wie es scheint

Der Münchner Schüler, der am 22. Juli 2016 neun Menschen tötete, war jahrelang in psychiatrischer Behandlung. Weil er sich aber auch rassistisch äußerte, wird bis heute darüber gestritten, ob es nun eine Amok-Tat oder Terrorismus war. Eine ähnlich differenzierte Betrachtung wird es künftig auch geben müssen, wenn der Täter Muslim war.

In den USA hat die Diskussion darüber bereits begonnen. "Eine Menge dieser Dinge befinden sich am Rand dessen, was wir in der Vergangenheit als Terrorismus angesehen haben", sagt etwa Daniel Benjamin, der frühere Koordinator des US-Außenministeriums für Terrorismus-Abwehr. "Wenn es einen Massenmord gibt und ein Muslim ist involviert, heißt es sofort Terrorismus."

Ganz so einfach machen es sich die Behörden zumindest in Deutschland nicht mehr. Im September 2015 stach der Iraker Rafik Y. einer Berliner Polizistin in den Hals, die Beamtin überlebte, der Täter wurde erschossen. Obwohl er wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung bereits eine mehrjährige Haftstrafe abgesessen hatte, entschieden das Bundeskriminalamt und die Berliner Behörden gemeinsam, dass dies keine politische Tat sei - sie vermuteten diesmal eher eine psychische Störung.

Radikalisierung verläuft nicht linear

Ähnlich vorsichtig entschieden sie, auch eine Tat am Silvestertag 2017 nicht als islamistischen Anschlag zu werten. Der 23-jährige syrische Asylbewerber Ahmad Al-H. hatte in der U-Bahn am Bayerischen Platz in Berlin-Schöneberg Passanten mit einem Messer angegriffen. Er attackierte auch eine Mutter mit einem kleinen Kind, einen Deutschen türkischer Herkunft beschimpfte er als Ungläubigen. Inzwischen befindet sich Ahmad Al-H. aufgrund eines richterlichen Unterbringungsbeschlusses und wegen vermuteter Schizophrenie in einem Haftkrankenhaus. Es verläuft ein schmaler Grat zwischen Terror und Wahn.

Betrachtet man Biografien wie jene des Attentäters vom Berliner Weihnachtsmarkt, dann verläuft die Radikalisierung selten linear, viele Täter scheinen vielmehr zu schwanken. Wohin mit ihrem Frust, mit ihrer aufgestauten Wut? Die Entscheidung, eine islamistische Ideologie anzunehmen, scheint dann nur ein Weg unter mehreren zu sein. Er bietet den Vorteil, dass der Einzelne sich, wie es Soziologen formulieren, von einer großen Bezugsgruppe verstanden fühlen kann in seiner Aggression.

Im Grunde könne man den Hamburger Messerstecher Ahmad A. auch als gewöhnlichen Amokläufer betrachten, legte selbst der Hamburger Verfassungsschutz-Chef Torsten Voß in einem Interview mit der Zeit nahe. "Einer, der die Religion nur benutzt, um seine Tat vor sich selbst zu rechtfertigen." Hätte Ahmad A. im Edeka-Markt in Barmbek bloß Unflätiges gerufen, er wäre vielleicht ein Fall für die Hamburger Lokalpresse geblieben. Um seinen großen Auftritt aber perfekt zu machen, rief er "Allahu Akbar", Gott ist am größten.

Keine Zweifel an der Schuldfähigkeit von Ahmad A.

Weil die Phänomene so nah beieinander liegen, betonen manche Wissenschaftler, dass nicht alle Attentäter automatisch psychisch krank seien - auch weil die Forscher die Gefahr einer weiteren Stigmatisierung von psychisch Kranken fürchten. Eine Studie der Forscher Emily Corner, Paul Gill und Oliver Mason vom University College in London zum Beispiel belegte 2016, dass bei dschihadistischen Attentätern ein signifikant erhöhtes Vorkommen von psychischen Auffälligkeiten beobachtet werden könne. Es sei etwa doppelt so hoch wie in der gesamten Bevölkerung, bei Einzeltätern liege die Quote bei etwa 40 Prozent. Untersucht wurden 55 Anschläge in westlichen Ländern. Damit sei man aber immer noch weit davon entfernt, dass alle Radikalen psychisch krank seien.

Vor deutschen Gerichten entlastet das die Täter auch nicht unbedingt. Wenn an diesem Freitag Ahmad A.s Prozess in Hamburg beginnt, dann plädiert dort der psychiatrische Gutachter Leygraf nicht für einen Strafrabatt. An der Schuldfähigkeit von Ahmad A. hat zumindest Leygraf keinen Zweifel. Trotz allem sei Ahmad A. der Herr seiner Entschlüsse geblieben. In der Untersuchungshaft steht er derweil weiter unter strenger Beobachtung. Angeblich sucht er jede Gelegenheit, den Gefängnis-Kameras den Mittelfinger zu zeigen.

© SZ vom 12.01.2018/csi

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