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Friedrich Merz:Auftakt für einen noch unerklärten Wahlkampf

  • Friedrich Merz sagt bei einem Auftritt in Berlin nicht, dass er CDU-Chef oder Kanzler werden will.
  • Doch ansonsten lässt der frühere Fraktionsvorsitzende keinen Zweifel daran, dass er sich für die Aufgabe gerüstet sieht.
  • Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum würdigt der Konservative sogar seine langjährige Konkurrentin Angela Merkel und nennt sie "ein Vorbild".

Als Erstes fällt Friedrich Merz die Sache mit den Tiefs und den Frauen ein. Es geht ihm um den Sturm am vergangenen Montag. Dieser 10. Februar werde ja, so eröffnet er den Gästen im "Ballhaus" an der Berliner Chausseestraße, in die Geschichte eingehen als ein Tag des Sturms. Ein Sturm, "nicht nur draußen, sondern auch drinnen", sagt der CDU-Politiker. Dabei sei es übrigens reiner Zufall, "dass die Tiefs im Augenblick Frauennamen tragen". Die Meteorologen wechselten jedes Jahr, und in diesem Jahr hießen also die Hochs nach Männern, die Tiefs nach Frauen. Die Leute im Saal lachen, er kostet den gelungenen Scherz aus: "Ja, das müssen sie wissen, das lässt keine politischen Assoziationen zu."

Am Montag erschütterte das Tief Sabine Deutschland, und es war auch der Tag, an dem die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Rückzug von der Spitze ankündigte. Jene Frau, die als Favoritin der Kanzlerin den Kandidaten Merz noch im Dezember 2018 im Kampf um den Parteivorsitz besiegt hatte. Der Aufstieg der einen Frau ist beendet, für die andere, Angela Merkel, scheint das Ende ihrer Ära als Kanzlerin näher zu rücken. Drei Männer gelten als Nachfolge-Kandidaten. Das alles sagt Merz nicht. Er genießt mit einer ungewohnten Leichtigkeit die Resonanz des Publikums und kommt zum Ernst der Lage. Was da in Erfurt passiert sei, die Wahl eines FDP-Ministerpräsidenten mit AfD-Stimmen, nennt er ein Zeichen für eine Krise des Parteiensystems. Ganz klar, mit der AfD dürfe es keine Zusammenarbeit geben. "Aber wir müssen uns auch fragen, wie es zum Erfolg der AfD in Thüringen kommen konnte." Darum gehe es für seine CDU.

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Schon fühlt sich der Abend wie ein spontaner Auftakt für einen noch unerklärten Wahlkampf an. Als Merz den Termin vor Monaten zusagte, war von einem Abschied der CDU-Chefin noch keine Rede. Er sollte für das "Forum Mittelstand", das nicht viele kennen, in Berlin über die bescheidene Frage referieren: "Was nun Deutschland?" Es ist eine Fragestellung, wie sie sich Bewunderer des Friedrich Merz gern ausdenken. Drunter geht's nicht, dazu gibt es im Saal mit den roten Wänden "Dicke Sauerländer", Bockwurst, sehr dicke, und einen Senf mit dem Namen "Grober Westfale". Merz wurde im Sauerland geboren, wuchs dort auf und lebt dort.

Sieben Mal wird Merz gefragt, ob er CDU-Chef und Kanzler werden will

An diesem Abend wird Merz auch trotz sieben - er zählt selbst mit - Nachfragen des Moderators nicht sagen, dass er CDU-Chef werden will, und Kanzler dazu. Aber er sagt eben genauso oft ausdrücklich nicht "Nein". Er betont, dass er bereit sei. Bereit, dem Land zu helfen. Bereit, anzupacken. Bereit, alles zu tun, um den Aufstieg der Rechtsextremen zurückzudrängen. Nur brauche die CDU jetzt ein wenig Zeit, sich zu beraten. Es gebe noch andere, man führe Gespräche. Für die kommende Woche hat er ein Gespräch mit der Parteichefin verabredet.

Es werde wohl noch vor den Sommerferien ein Ergebnis geben, sagt Merz. Der Parteitag dafür könne frühestens in acht Wochen sein, werde aber wohl in zwölf oder 16 Wochen stattfinden. Und damit sei es ja nicht getan. Es gebe auch den Tag nach der Entscheidung: "Wir müssen dafür sorgen, dass die Union zusammenbleibt", sagt Merz. "Das ist nicht trivial." Die CDU sei in einer ähnlichen Gefährdungslage wie die SPD, und liege weit unter ihrem Potenzial, "und das müssen wir gemeinsam ausschöpfen", so Merz. Er schiebt ein: "Ich sage: wir - nicht: ich." Und führt den Gedanken zu Ende: "Und dann reden wir darüber, welchen Beitrag ich dazu leisten kann, ich bin bereit das zu tun." Entscheiden müsse der Parteitag.

Genugtuung spiele keine Rolle, betont Merz und lobt die Kanzlerin

Merz ist oft vorgeworfen worden, es gehe ihm um seine persönliche Agenda, womöglich Genugtuung, wo ihn doch vor Jahren Angela Merkel verdrängt hat. Alles das, so die Botschaft an diesem Abend, soll keine Rolle spielen. Er geht so weit, dass er nicht nur die 15 Jahre der Merkel-Kanzlerschaft als gute Jahre für Deutschland lobt. Er will - "bei aller Kritik" - ausdrücklich positiv klingen: "Wir leben in einem der schönsten, wohlhabendsten, besten, sozialsten und gerechtesten Länder der Welt." So zählt er das auf, und bekommt gewaltig Applaus.

Gewiss, Merz mahnt, dass dringende Reformen nicht verpasst werden dürfen, Deutschland drohe, den Anschluss zu verpassen, das sind seine Klassiker. Aber er legt ein Bekenntnis ab, das auch die Betroffene verblüffen könnte: Über Angela Merkel sagt er, dass sie bei allen Unterschieden in der Sache, für ihn "auch ein Stück Vorbild ist". Glänzend habe sie die Finanzkrise bewältigt. Er habe großen Respekt vor ihrer Nervenstärke, ihrer Uneitelkeit, ihrer Professionalität. Das sagt er, und es ist nicht einmal die Spur eines auch nur halbironischen Untertons herauszuhören.

Merz würdigt sogar die SPD-Kanzler Brandt und Schmidt

Überhaupt, die Kanzler Deutschlands. Ein unglaubliches Glück habe dieses Land mit seinen acht Kanzlern gehabt, mit allen, auch den sozialdemokratischen. Er widmet sich Willy Brandt, gegen den er als junger Mann in der Jungen Union gekämpft habe: "Was haben wir aus der Rückschau diesem Mann zu verdanken?" Und Helmut Schmidt, auch den habe er bekämpft, massiv - "was haben wir mit Helmut Schmidt für Glück gehabt". Gerhard Schröder nimmt er sich nicht mehr vor, aber schließt ihn doch ein. Es ist auch so bemerkenswert.

Kurz vor dem Ende will eine Frau aus dem Publikum wissen, warum er sich noch einmal aufgemacht hat, zurück in die Politik, wo er doch ein erfolgreicher Manager war und zehn Jahre weg. Was war der Auslöser?

Merz kennt man als einen, der sich um die Wirtschaft des Landes sorgt. Man hat ihn in Erinnerung als den Mann, der die Steuererklärung auf einem Bierdeckel ermöglichen wollte. So einfach sollte sie sein, mehr als er ein Jahrzehnt liegt das zurück. Nun hat er an diesem Abend erklärt, dass das etwas komplizierter würde. "Der Bierdeckel ist tot", sagte er, der reiche nicht.

Am meisten treibt Merz das Erstarken rechter Kräfte um

Aber daran denkt er nicht, als er nach dem persönlichen Motiv gefragt wird. "Ganz ehrlich", was ihn am allermeisten umtreibe, so sagt Merz, sei das Erstarken rechter politischer Kräfte. Früher sei klar gewesen, dass rechts der CDU und CSU kein Platz für eine Partei sei, dafür sei gesorgt worden. Er spricht über das Grauen seiner Eltern und seiner Großeltern, als einst Ende der Sechziger die NPD erstarkte. Das sei damals abgewendet worden. Und nun "haben wir diese Leute da sitzen". Furchtbar finde er es, eine Partei im Bundestag zu haben, die den Holocaust relativiere, die antisemitisch und fremdenfeindlich sei. Und so sagt er mit Blick auf die AfD: "Wenn ich dazu beitragen kann, dass dieses Gesindel wieder verschwindet, dann leiste ich diesen Beitrag." Das sei es, was ihn bewege. Kein Blick zurück, keine Revanche, "kein Rückspiel", wie oft geschrieben werde.

Es gehe ihm gut, die Kinder seien auf einem guten Weg, überhaupt sei er ja in einem Alter, da könnte er sagen: "alles wunderbar, Aktion Abendsonne!". Aber genau dieses Thema beschäftige ihn viel zu sehr. Und das Publikum hat mehr als eine Ahnung, wie Merz seinen mindestens zweiten Anlauf Richtung Spitze angehen wird, den er offiziell noch nicht begonnen hat.

© SZ/saul/thba
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