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Merkels Spitznamen:Die Unangreifbare wird angreifbar

BELGIUM-EU-SUMMIT

Vorne herum sah es gut aus zwischen Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy - doch hinten herum waren die Franzosen äußerst unzufrieden mit dem Verhalten von "Madame No" in der Finanzkrise.

(Foto: AFP)

Madame No

Auf der internationalen Bühne büßte die Kanzlerin im Zuge der Finanzkrise von 2008 an für eine Zeit lang deutlich an Beliebtheit ein. Merkel verweigerte sich nämlich schon bald Forderungen der europäischen Partner, weitere staatliche Milliarden zur Ankurbelung der Konjunktur zu bewilligen. In Brüssel, in Paris und London war viel von "Madame No" die Rede. Doch während man auch in Washington ihre "Mutlosigkeit" anprangerte und "le nein de Merkel" sie in Frankreich unbeliebter denn je machte, schien die Stimmung im eigenen Land ihre Linie zu bestätigen: Jeder Zweite gab in einer Umfrage an, die Kanzlerin direkt zu wählen, so er denn könnte.

Teflonkanzlerin

Es gab eine Zeit, da schien Merkel zumindest im Inland unangreifbar zu sein. Ob es um Streit mit dem Koalitionspartner FDP ging, die Regierung abenteuerliche Volten schlug wie in der Atompolitik oder die Euro-Krise die Menschen verunsicherte - der Kanzlerin schien das nichts anhaben zu können. Angriffe politischer Gegner ließ sie einfach ins Leere laufen. Kritische Fragen von Journalisten beantwortete sie mit wolkigen, aber doch beruhigend präsidial wirkenden Aussagen. Mochte ihr Koalitionspartner in den Meinungsumfragen absacken oder sogar ihre CDU Federn lassen, die Kanzlerin führte weiterhin unangefochten die Liste der beliebtesten Politiker an. An ihr perlte alles ab wie an der Teflonschicht einer Bratpfanne. Am Ende ihrer zweiten Legislaturperiode, im Wahlkampf 2013, genügte ihr ein schlichtes "Sie kennen mich" an die Wähler, um sich von ihrem SPD-Herausforderer Peer Steinbrück abzusetzen. Erst mit der Flüchtlingskrise 2015 büßte Merkel ihr Image als Teflonkanzlerin ein.

Ein Verb: merkeln

Während ihrer Amtszeit wurden Angela Merkel nicht nur eine Vielzahl verschiedener Etiketten angeheftet. Durch ein ihr typisches Verhalten prägte sie gar ein eigenes Verb. Gab es ein Problem, egal wie drängend dessen Lösung schien, gelang es der Kanzlerin immer wieder, erst einmal keine Entscheidung zu treffen, sich nicht auf irgendetwas festnageln zu lassen, sondern einfach abzuwarten. Mochten andere vorpreschen, die Sache Merkels war das im Allgemeinen nicht - und so tauchte in ihrer dritten Amtszeit das Verb "merkeln" auf. Ausgerechnet im Jahr 2015, als Merkel in der Flüchtlingskrise gerade völlig anders agierte, galt "merkeln" sogar kurzzeitig als Favorit zum Jugendwort des Jahres (am Ende landete es auf Platz 2).

dpa-Story - Porträt Angela Merkel

Selfie mit der Kanzlerin: Für viele Flüchtlinge wurde Merkel im Sommer 2015 zur Heldin. Doch im Inland war der Begriff der "Flüchtlingskanzlerin" nicht durchweg positiv gemeint.

(Foto: dpa)

Flüchtlingskanzlerin

Womöglich blicken Historiker in einigen Jahrzehnten auf die Ära Merkel zurück und beschreiben ihre Bedeutung für Deutschland mit einem einzigen Satz: "Wir schaffen das." Die unerwartete humanitäre Geste, die Grenzöffnung für gestrandete Flüchtlinge im Spätsommer 2015 und die von ihr proklamierte, neue Willkommenskultur brachte Merkel den Beinamen der "Flüchtlingskanzlerin" ein. Ihr "Wir schaffen das" verfolgt Merkel bis heute. Er ist inzwischen gleichermaßen Paradigma der Optimisten und Narrativ der Rechten. So sagte Alexander Gauland (AfD) ein Jahr später, die "Flüchtlingskanzlerin" Merkel habe Deutschland mit ihrer Politik der offenen Grenzen genug geschadet. Weil ihr auch zunehmend Mitglieder der eigenen Partei und der Schwesterpartei CSU Kritik entgegenbrachten, distanzierte sie sich von dem Satz - und zunehmend auch von der damit verbundenen Politik.

Leader of the free world (Anführerin der freien Welt)

Im Jahr 2016 war die westliche Welt in Aufruhr: Europa war zerstritten in der Auseinandersetzung über die Bewältigung der Flüchtlingskrise und stand noch unter dem Schock des Brexit-Votums vom Sommer, da verstörte die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten viele Menschen auf dem Globus massiv. Dessen "America first"-Doktrin schuf ein großes Maß an Unsicherheit in der internationalen Politik. Vor allem im anglo-amerikanischen Raum wurden Stimmen laut, die forderten, Europa und vor allem Deutschland müsse mehr Veranwortung in der Welt übernehmen. Britische und US-amerikanische Zeitungen sahen Merkel nun gefordert als "leader of the free world" (Anführerin der freien Welt). Der britische Historiker Timothy Garton Ash sagte im Stern, wenn es denn noch einen solchen Anführer gebe, "dann ist das Angela Merkel". Doch Die Kanzlerin enttäuschte die Hoffnungen - zwei Jahre später beschwerten sich US-Zeitungen, dass Merkel allenfalls rede, die eigentliche Arbeit zur Sicherung der westlichen Welt aber immer noch andere übernehmen müssten.

German parliament Bundestag elects new chancellor in Berlin

Umstellt von Gratulanten: Am 14. März 2018 wird Merkel zum vierten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt.

(Foto: REUTERS)

Die ewige Kanzlerin

16 Jahre sollen es werden, zwölf sind es schon: Die Generation der Millenials kann sich nur vage an eine Zeit vor Merkel erinnern. Weil nur einer vor ihr länger Bundeskanzler in Deutschland war - ihr Mentor Helmut Kohl -, wird Merkel in Medien seit 2013/14 zunehmend die "ewige Kanzlerin" genannt. Kohl war immerhin 16 Jahre lang Regierungschef. Wenn die Amtszeit nicht vorzeitig beendet wird, zieht sie mit ihm gleich. Einen anderen Rekord hält Merkel bereits: Kein anderer der G-7-Staaten wird so lange vom selben Regierungschef geführt wie Deutschland.

© SZ.de/bepe/rus
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