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Merkels Flüchtlingspolitik:Misstrauen gegen "die da oben"

Vertrauen, hat der Soziologe Niklas Luhmann gesagt, ist eine lebensnotwendige "Form der Reduktion von Komplexität". Ohne sie könnte der Mensch morgens sein Bett nicht mehr verlassen - eben weil er nicht jeden Tag überlegen kann, wer ihm Böses will, ob es sich noch lohnt, zur Arbeit zu gehen, oder ob heute Staat, Wirtschaft und Währung zusammenbrechen. Vertrauen ist aber auch ein flüchtiges Gut, umso flüchtiger, je schwieriger sich die Komplexität des Lebens und Weltzustands tatsächlich reduzieren lässt.

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Linke und Grüne zerpflücken den Flüchtlingspakt der EU mit der Türkei. Doch es gibt auch Zuspruch - selbst aus der merkelkritischen CSU.   Von Oliver Das Gupta

Der große Flüchtlingstreck, der nun vor den Toren Europas steht, speist sich aus kaum zu befriedenden Konflikten; er lässt Europas Bürger ahnen, dass es eine Kehrseite der Globalisierung gibt, deren Preis, wie auch immer, noch zu zahlen ist. Will dieses Europa weiter von der Würde jedes Menschen reden, wird das bisherige Leben hier sich ändern müssen. Vertrauen heißt in dieser Lage, sich einem schwankenden Boden anzuvertrauen.

Mehr als die Hälfte der Deutschen unterstützen Merkel wieder

Es liegt nahe, dass dies schwerfällt. Und es liegt auch nahe, dass die andere Form der Reduktion sozialer Komplexität attraktiv wird: die Reduktion durch Misstrauen. "Die da oben" verschweigen die Wahrheit, agieren als geschlossene Kaste. Aus dieser Reduktionsform leben die gängigen Verschwörungstheorien, von ihr profitiert zurzeit die AfD. Ein gewisses Maß an Misstrauen gehört zum gesunden Menschenverstand. Misstrauen als Prinzip der politischen Interaktion ist zerstörerisch.

Ein Kurswechsel der Kanzlerin wäre kein Mittel, diese Vertrauenskrise zu beenden; im Gegenteil. Wenn Angela Merkel als Opportunistin dastünde, die auf äußeren Druck hin ihre Politik geändert hätte - dann würde sie taktisch nichts gewinnen.

Inhaltlich müsste sie sich fragen lassen, wohin sie ihren Kurs geändert hat: Findet sie es jetzt gut, dass Menschen in Griechenland hoffnungslos im Schlamm sitzen? Dass in Europa sich jeder selbst der Nächste ist?

Es bleibt ihr wenig übrig, als ihrem Kompass zu folgen, auch wenn die Wege verschlungen sind und man sich durchs Gestrüpp der Unwägbarkeiten schlagen muss, über die wackligen Brücken wenig schöner Kompromisse. Wahrscheinlich war es Angela Merkels Fehler, diese Unwägbarkeiten hinter dem großen "Wir schaffen das" zu verstecken. Das hat Vertrauen gekostet, weil der Eindruck entstand, hier färbe die Politik die Wirklichkeit schön. Die Kanzlerin hat sich dieses Vertrauen wieder mühsam erarbeiten müssen. Aber es kommt zurück. Mehr als die Hälfte der Deutschen unterstützen wieder Merkels Politik. Das ist insofern eine gute Nachricht, weil sie heißt: Eine Politik, die sich an einem Ethos orientiert, ist möglich, auch in Zeiten geringer Sichtweite. Vielleicht wird man das einmal ausgerechnet über eine Kanzlerin sagen, die einst als Technikerin der Macht galt.

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