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Polemik um Merkels Äußerung zu Euro-Bonds:Es gilt das gesprochene Wort

Ihre Ablehnung einer gesamtschuldnerischen Haftung in Europa hat Bundeskanzlerin Merkel mit einem "solange ich lebe" unterstrichen. Die Formulierung löste weltweit Wirbel aus, Zeitungen brachten sie auf Seite eins - als weiteren Beleg für Merkels angebliche Hartleibigkeit. Selbst wenn die Äußerung aus dem Zusammenhang gerissen wurde: Ein Medienprofi muss wissen, dass auch kleine Nebensätze große Wirkung entfalten können.

Worte zählen manchmal mehr als Taten. Worte wollen gewogen sein, weil sie gewaltige Wirkung erzielen können. Und sei es nur die Wirkung, ungewollt oder bewusst missverstanden zu werden. Auch eine so überlegte Politikerin wie die Bundeskanzlerin muss dieser Tage wieder diese Erfahrung machen. Mit einer Äußerung vor der FDP-Bundestagsfraktion am Dienstagnachmittag hat Angela Merkel einen mächtigen Wirbel ausgelöst. Selbst amerikanische Zeitungen brachten die Äußerung auf Seite eins - als weiteren Beleg für Merkels angebliche Hartleibigkeit.

Die Nachrichtenagentur Reuters hatte als erste berichtet, Merkel habe vor den Liberalen gesagt, eine gesamtschuldnerische Haftung in Europa werde es nicht geben - "solange ich lebe". Prompt wurde diese Formulierung als ultimative Festlegung verstanden, nach dem Motto: "Nur über meine Leiche." SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann sprach am Mittwoch von "Polarisierungen, die uns nicht weiterhelfen". Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin nannte den Satz "dumm". Und der Co-Vorsitzende der Linken, Bernd Riexinger, bescheinigte der Kanzlerin gar ein "absolutistisches Politikverständnis".

Dass so etwas kommen würde, müssen die Medienprofis der Koalition schnell gewittert haben. Denn eine umgehende Anfrage per SMS brachte weder von Regierungssprecher Steffen Seibert noch von FDP-Fraktionssprecherin Beatrix Brodkorb eine Bestätigung des Zitats, das der Reuters-Korrespondent von liberalen Abgeordneten gehört hatte.

Und noch am Mittwochvormittag weigerte sich FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle hartnäckig, die Äußerung zu bestätigen oder zu dementieren: "Fraktionssitzungen sind vertraulich, und ich gehöre nicht zur Fraktion der Plaudertaschen." Brüderle war die Mitteilsamkeit seiner Parlamentskollegen peinlich. Die Kanzlerin habe vor den Liberalen sehr offen und auch emotional gesprochen, berichteten Abgeordnete am Mittwoch. Und nun müsse sie erleben, wie wenig sie sich auf Vertraulichkeit verlassen könne. Allerdings, auch das weiß jeder Politiker: Was in einer Fraktionssitzung gesprochen wird, bleibt nie vertraulich.

"Wir wünschen Ihnen ein langes Leben"

Zumal dann nicht, wenn eine Aussage den eigenen politischen Zielen nützt. In ihrer Ablehnung von europäischen Gemeinschaftsschulden lässt sich die FDP von niemandem übertreffen, und da nimmt man die Kanzlerin natürlich gern beim Wort. Einige FDP-Abgeordnete sollen der Kanzlerin noch zugerufen haben: "Wir wünschen Ihnen ein langes Leben."

Andere wollen die Regierungschefin anders verstanden haben. Sie verwiesen auf den Zusammenhang ihrer Äußerung. So habe Merkel daran erinnert, dass es der Bundesrepublik Deutschland, die ja ein viel stärker integriertes Gemeinwesen ist als die Europäische Union, auch in 63 Jahren nicht gelungen sei, eine gemeinschaftliche Haftung von Bund und Ländern einzuführen. Daran gemessen könne man sich vorstellen, wie lange so etwas auf der europäischen Ebene dauern würde. Sie jedenfalls, so die Interpretation des Kanzlerinnen-Wortes am Mittwoch, werde das nicht mehr erleben.

Sei's drum - auch für Angela Merkel zählt der Vorbehalt, der stets auf Redemanuskripten vermerkt ist: "Es gilt das gesprochene Wort." "Solange ich lebe" - das hat sie nun mal gesagt, wie am Mittwoch unabhängig voneinander ein gutes Dutzend Zuhörer bestätigen konnte. Aber hat sie auch bedacht, welche Wirkung der kurze Nebensatz entfalten würde?