Zittern der Kanzlerin Fragen nach Merkels Gesundheit werden lauter

Durchbeißen: Angela Merkel mit ihrem Gast Antti Rinne.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)
  • Die Kanzlerin versichert auch nach dem dritten Zitter-Vorfall in kurzer Zeit: "Mir geht es gut."
  • Ihr Gast, Finnlands Ministerpräsident, geht mit dem Thema ganz anders um.
  • Tatsächlich kann das Zittern, von Medizinern auch Tremor genannt, verschiedene Ursachen haben.
Von Daniel Brössler, Berlin, und Hanno Charisius

Am Wetter liegt es diesmal jedenfalls nicht. Als Angela Merkel am Mittwoch bei den militärischen Ehren für den neuen finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne zu den Klängen der deutschen Nationalhymne wieder am ganzen Leibe zu zittern beginnt, ist es in Berlin für die Jahreszeit zu kühl. Mitte Juni, beim Antrittsbesuch des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij, hatte Merkel ihr plötzliches starkes Zittern noch mit Wassermangel bei der großen Hitze begründet - was dann schon bei der Ernennung der neuen Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) im Schloss Bellevue Ende Juni als Erklärung nicht mehr recht taugte. Nach dem mittlerweile nun dritten öffentlichen Zitteranfall in relativ kurzer Zeit muss sich Merkel, die kommende Woche 65 wird, verstärkten Fragen nach ihrer Gesundheit stellen.

"Die Leute machen sich Sorgen um Ihre Gesundheit. Wir haben Ihre Hände zittern gesehen. Wie geht es Ihnen?", fragt eine finnische Journalistin, nachdem Merkel in der Pressekonferenz mit Rinne ein paar Worte über die Erwartungen an die finnische EU-Ratspräsidentschaft gesagt, sich den Schwierigkeiten der mittelfristigen Finanzplanung gewidmet und Fragen der Energiepolitik gestreift hatte. "Mir geht es gut", beschwichtigt die Kanzlerin. Sie habe "neulich schon mal gesagt, dass ich in einer Verarbeitungsphase der letzten militärischen Ehren mit dem Präsidenten Selenskij bin", die "offensichtlich noch nicht ganz abgeschlossen" sei. Es gebe aber Fortschritte, es gehe ihr "sehr gut und man muss sich keine Sorgen machen". So bleibt Merkel bei ihrem bisherigen Umgang mit dem Thema. Ein öffentliches Interesse an ihrem Gesundheitszustand stellt sie zwar nicht direkt in Abrede. Zugleich zeigt sie aber wenig Neigung, ein mögliches gesundheitliches Problem zu diskutieren oder gar die Ergebnisse ärztlicher Untersuchungen zu veröffentlichen.

Der finnische Premier Rinne, Merkels Gast, spricht offen über seine Erkrankung

Anderswo wird das anders gehandhabt, wovon Merkel auch ihr finnischer Gast berichtet haben könnte. Über eine Lungenentzündung im Januar und eine diagnostizierte koronare Gefäßerkrankung redet Rinne offen, was von der finnischen Öffentlichkeit auch erwartet wird. Nach Merkels Darstellung allerdings gibt es gar kein gesundheitliches Problem, über das sie berichten müsste. Dabei bleibt sie auch auf Nachfrage, wenn auch erkennbar irritiert. "Ich glaube, dass meine Äußerungen dazu getan wurden heute und ich glaube, dass meine Aussage, dass es mir gut geht, Akzeptanz finden kann", erläutert sie und wiederholt noch einmal, dass sie "dieses Ereignis" verarbeiten müsse. Sie glaube, "dass es so, wie es gekommen ist, eines Tages auch vergehen wird. Aber es ist noch nicht so weit." Ansonsten sei sie "ganz fest davon überzeugt, dass ich leistungsfähig bin".

Tatsächlich kann das Zittern, von Medizinern auch Tremor genannt, die verschiedensten Ursachen haben. Jeder kennt das Gefühl wahrscheinlich, das sich meistens vollkommen der Kontrolle des Betroffenen entzieht. Es kann bei Kälte einsetzen oder bei Erschöpfung, es kann Anzeichen einer aufkommenden schweren Erkrankung sein oder nur ein heftiges Signal dafür, dass man trotz großer Anstrengung vielleicht zu wenig getrunken hat. Ein Tremor entsteht, wenn sich Muskelgruppen abwechselnd zusammenziehen.

Es gibt zahlreiche neurologische Ursachen, die den Körper zum Zittern bringen können. Krankheiten wie Parkinson oder Multiple Sklerose können mit unkontrollierbaren Muskelbewegungen einhergehen. Medikamente können diese körperliche Reaktion hervorrufen ebenso wie Schilddrüsenfehlfunktionen oder auch psychosomatische Leiden etwa durch Erschöpfung, Stress oder Angst. Die möglichen Ursachen müssen vom Arzt nacheinander ausgeräumt werden - durch intensive Untersuchungen und Gespräche mit dem Patienten. Ein Blick auf einen Videoausschnitt reicht dafür keinesfalls aus. Wann das Zittern auftritt, wie schnell und wie stark die Bewegungen sind, kann einem erfahrenen Arzt zumindest erste Hinweise liefern. Je nach Ursache ist auch das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten sehr breit: Frösteln oder Dehydrierung lassen sich noch mit einer Decke oder Wasser beheben. Liegt eine neurologische Erkrankung zugrunde, können Medikamente die Symptome verbessern.

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