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Merkel vor der Wahl:Unter dem Schutzmantel einer fast madonnenhaften Figur

Intellektuelle Kritiker mögen behaupten, sie hätten die Mutter durchschaut oder gar demontiert. Den Kindern gelten sie aber nur als Stänkerer und Ruhestörer. Sie festigen sogar den Familienzusammenhalt, hinzu kommt der Stolz für die Unerschütterlichkeit der alleinerziehenden Mutter, die da das Überleben sichert.

Nimmt man das Modell der politischen Regression ernst, dann spielen tiefere Mechanismen der Bindung, der Loyalität und der Sehnsucht nach Ruhe eine wichtigere Rolle als die Inhalte der Politik. Man lässt nichts mehr auf die Zentralfigur kommen, spaltet innere Zweifel ab, fühlt sich getragen von einer unerklärlichen Zuversicht in ihre Kraft und ihre Weisheit. Ganz Fromme fühlen sich sogar geborgen unter dem Schutzmantel einer fast madonnenhaften Figur.

Angela Merkel will gar keine Madonna sein - aber im kollektiven Unbewussten lebt das archaische Bild der schützenden und versorgenden Mutter. Es immunisiert gegen die Anfechtungen einer undurchsichtigen und gefährlichen Realität. Es wird mit ihr kein durchdachtes Programm gewählt, sondern eine tief in der Seele verankerte Sehnsuchtsgestalt, die so unaufdringlich Stärke vorspielt, dass kein aufbegehrender Trotz oder ein Wunsch nach kantiger Väterlichkeit mehr entsteht. Die Urmutter erscheint nicht als bedrohlich, verschlingend oder grausam. Sie ist weise.

Wählerbindung bei Angela Merkel

Die Psychoanalyse kümmert sich seit einiger Zeit vermehrt um die sogenannt Bindungsforschung. Sie untersucht, wie dauerhafte oder wacklige, gehorsame, liebende, verehrende oder destruktive Bindungen entstehen und warum sie oft ein Leben lang halten. Auch die Politikwissenschaft wie die Wahlforschung haben den Begriff der Wählerbindung in Gebrauch genommen. Er muss aber bei Angela Merkel auf eine tiefere Weise verstanden werden: Es geht um Schutz und Zuversicht in Zeiten der realen oder eingebildeten Gefahr.

Wechselwähler sind Menschen, die nach politischen Überlegungen und durchdachten Motiven ihre Stimme abgeben. Sicher gebundene Kinder aber spielen nicht mit dem Wechsel. Eine "Wechselstimmung" erreicht sie bei ihrer Seelenlage gar nicht. Mutti bleibt Mutti, auch wenn sie mal den Überblick verliert oder in vorübergehendes Taumeln gerät. Es geht um das Spenden von Zuversicht und um ein tieferes Wissen um die Richtung für Menschen, die noch immer dem tröstlichen Choralvers anhängen: "Weiß ich den Weg auch nicht, Du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll."

Dass ein anderer Kanzlerkandidat vielleicht klüger ist, mehr informierte Worte pro Zeiteinheit hervorbringen kann und auf ironische Weise böse ist, festigt umso mehr die Anhänglichkeit an die unaufgeregt erscheinende Dame, die so viel Erfahrung und internationales Ansehen angehäuft hat und dem kindlichen Stolz das Bild der "mächtigsten Frau der Welt" bietet. Sie ist für viele Gemüter, aber auch für sehr viele kalt kalkulierende Interessensgruppen, zum tröstenden und beruhigenden Urbild geworden, das halb innerweltlich, halb eingetaucht ins kollektive Unbewusste erscheint. Wir werden sie wohl noch vier weitere Jahre behalten (müssen).

Der Psychotherapeut und Publizist Tilmann Moser, 75, hat zahlreiche Bücher über religiöse Neurosen ("Gottesvergiftung") und über politische Psychologie veröffentlicht.

© SZ vom 05.08.2013/sebi

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