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30 Jahre Mauerfall:Ein ganz normales Wunder

Fall der Berliner Mauer: Menschen aus Ost- und West-Berlin sind auf die Mauer am Brandenburger Tor geklettert. Berlin, Deutschland, Europa

Moment der Einheit: Menschen aus Ost- und West-Berlin auf der Mauer am Brandenburger Tor.

(Foto: Norbert Michalke/dpa)
  • Im Ausland wird das vereinte Deutschland heute manchmal mehr als Normalität wahrgenommen als im Land selbst. Deutschland gilt vielerorts als attraktives Land mit stabilen politischen Verhältnissen.
  • Mit dem Fall der Mauer waren vor 30 Jahren auch die Sorgen vor einer übermäßigen Dominanz Deutschlands verbunden. Heute wird eher mehr deutsche Führung in Europa gefordert.
  • Die Angleichung zwischen Ost und West dauere in manchen Punkten länger als gedacht, sagt die Kanzlerin.

Vom Balkon des Kanzleramtes im 8. Stock hat man den idealen Blick: der Bundestag, das Brandenburger Tor, die Spree. Manchen Staatsgästen erzählt Angela Merkel von hier aus, wo sie zu Zeiten der DDR gewohnt und gearbeitet hat. Und wo die Mauer verlief, die am 9. November vor 30 Jahren fiel. Gäste, die sie hier zum ersten Mal besuchen, fragt sie manchmal, ob sie vor 1989 schon mal in Berlin waren - und in welchem Teil der Stadt. "Ich persönlich sage mir oft, dass ich es mir nie hätte träumen lassen, mal hier so zu stehen", sagt Merkel im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

In diesen Tagen rund um das Jubiläum des Mauerfalls empfängt Merkel viele Gäste, mit denen kein Small Talk fürs erste Kennenlernen mehr nötig ist. Es sind alle ziemlich gute Bekannte. Selbst der amerikanische Außenminister Mike Pompeo besuchte Merkel am Freitag bereits zum zweiten Mal binnen weniger Monate im Kanzleramt. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg kennt Merkel seit vielen, die künftige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen seit noch viel mehr Jahren - und die gemeinsame Zeit mit Emmanuel Macron, der sich für Sonntag angesagt hat, kommt Merkel manchmal wohl auch schon ziemlich lange vor.

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Der 30. Jahrestag des Mauerfalls hat somit trotz der zentralen Erinnerungsfeier am Samstag, an der auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teilnimmt, politisch einen arbeitsamen Charakter. Der Anlass wird zwar gebührend zelebriert und auch mit Symbolik angereichert: So hat Steinmeier die Staatsoberhäupter der vier in der sogenannten Visegrád-Gruppe verbundenen osteuropäischen Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn eingeladen.

Sorge vor der Rückkehr des Nationalismus

Damit soll die besondere Bedeutung der osteuropäischen Staaten für die friedliche Revolution gewürdigt werden. Ansonsten aber stehen die aktuellen Themen im Vordergrund, der Zustand der Nato, die deutsch-amerikanischen Beziehungen, der Brexit und seine Folgen. Der Jahrestag macht Berlin zu einer Art Bienenstock der Diplomatie, in dem so viel emsiger Betrieb herrscht, dass selbst Angela Merkels Regierungssprecher am Freitag verspätet und atemlos zur Bundespressekonferenz erscheint, weil er von der Kolonne eines ausländischen Gastes aufgehalten wurde.

In dieser Routine steckt ein gutes Zeichen. Immerhin waren mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung nicht einmal ein Jahr später auch Sorgen vor einer übermäßigen Dominanz Deutschlands verbunden, ja sogar vor einer Rückkehr des nationalistischen Ungeistes in der Außenpolitik. Heute sind die Klagen, Deutschland führe in Europa zu wenig, eher lauter als der Vorwurf, Berlin oktroyiere Partnerstaaten seinen Willen. Und trotz banger internationaler Blicke auf die Wahlerfolge der AfD gilt Deutschland an vielen Orten der Welt als attraktives Land mit stabilen politischen Verhältnissen.

Über Jahrzehnte war Berlin eine Bühne für weltpolitische Inszenierungen, zuerst im Kalten Krieg, dann nach der friedlichen Revolution der DDR-Bürger - besonders beliebt war die Stadt als Symbol mit historischer Kulisse bei amerikanischen Präsidenten. Die Reden John F. Kennedys vor dem Schöneberger Rathaus und Ronald Reagans direkt vor der Mauer sind nicht nur im kollektiven Gedächtnis der Deutschen haften geblieben, sondern wurden auch in den USA selbst stark beachtet. Bill Clinton betrat nach der Wiedervereinigung als erster US-Präsident den Boden der ehemaligen DDR, Barack Obama sprach als Präsident 2013 auf der Ostseite des Brandenburger Tors und beschwor den Geist von friedlicher Veränderung und Fortschritt in Gemeinsamkeit.

Merkel: Es wird mehr aus dem nationalen Blickwinkel diskutiert

Bei Donald Trump ist ungewiss, ob er Berlin vor der Präsidentschaftswahl 2020 noch besuchen wird. Doch dass er aus dem 9. November 1989 eine andere politische Lektion ableitet als sein Vorgänger, erscheint wenig überraschend. Trumps Außenminister Pompeo nutzte den historischen Hintergrund Berlins am Freitag für heftige Attacken auf China und Russland. Der deutschen Außenpolitik, namentlich der Kanzlerin, kommt in solchen Konfrontationen oft eine beschwichtigende Rolle zu. Schon am Donnerstagabend hatte Merkel Emmanuel Macrons Kritik an den USA und sein Wort vom "Hirntod" als übertrieben zurückgewiesen.

Im Ausland, so wirkt es, wird das vereinte Deutschland heute mehr als Normalität wahrgenommen als in Deutschland selbst. "Vielleicht liegt es an dem Abstand von dreißig Jahren", sagt die Kanzlerin im Interview. "Bei manchem, von dem man gedacht hat, dass es sich zwischen Ost und West angleichen würde, sieht man heute, dass es doch eher ein halbes Jahrhundert oder länger dauert." Auch die außenpolitische Lage sei da von Bedeutung. Nationalistische und protektionistische Tendenzen hätten weltweit zugenommen, "sodass wieder mehr aus dem nationalen Blickwinkel diskutiert wird".

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