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Bundespolitik:Das letzte Kapitel der Kanzlerschaft Angela Merkels

Angela Merkel im Dezember 2020 nach einer Ministerpräsidentenkonferenz

Noch nicht ganz auf dem Weg in die Freiheit: Angela Merkel im Dezember nach einer Ministerpräsidentenkonferenz.

(Foto: Regina Schmeken)

Robin Alexander gelingt mit seinem Buch "Machtverfall" ein interessantes Schlachten- und Sittengemälde. Es zeigt, mit welcher Härte und unter welcher Unsicherheit in Berlin Corona-Politik gemacht wird - und wie stark Persönliches den Kampf um Merkels Nachfolge prägt.

Von Cornelius Pollmer

Zwei Zitate sind es, aus denen sich die Grundspannung dieses Reports ergibt, eines Reports über die letzte Amtszeit Angela Merkels und das Finale ihrer Kanzlerschaft. Robin Alexander zitiert in "Machtverfall" den Philosophen Peter Sloterdijk, der Merkels Politikstil als "Lethargokratie" verspottet hat - und er zitiert einen bekannten Satz des im NS-Regime engagierten Staatsrechtlers Carl Schmitt, demnach "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet". Wie reagiert die "Lethargokratie" Merkels, wenn plötzlich der Ausnahmezustand einer Pandemie politisch gesteuert werden muss?

Viele politische Implikationen dieser Pandemie sind bis heute nicht konturscharf. Gleichzeitig wurden über die komplette bisherige Dauer von Corona Kämpfe ausgetragen um die Nachfolge Merkels in Partei und Kanzleramt. Die deutsche Politik befindet sich in einem mehrfachen Zeitenbruch, und ein solcher verlangt geradezu einen Bericht in Langfassung, wie ihn der Journalist Robin Alexander an diesem Dienstag vorlegt. Alexander, stellvertretender Chefredakteur Politik der Welt, ist der logische Autor dieses Berichts, der in gewisser Weise als Fortsetzung eines ersten detaillierten Realromans desselben Autors gelesen werden kann.

"Die Getriebenen" war ein Bestseller

In seinem ebenfalls bei Siedler erschienenen Bestseller "Die Getriebenen" rekonstruierte Alexander 180 Tage deutscher Politik im Kontext der Migrationskrise 2015/2016. In "Machtverfall" setzt der Autor erneut auf das erzählerische Prinzip der Rekonstruktion. Es trägt diese Fortsetzung sogar noch besser, was möglicherweise gar nicht so sehr ein Verdienst des Autors ist als vielmehr ein Verhängnis neuer Medien- und Lebensrealitäten.

Weltgeschehen ist inzwischen rund um die Uhr als Liveticker mehr mit- denn nur nachzuverfolgen. Journalisten leisten in dieser Gegenwart täglich Sortierarbeit und erfüllen auch, jedoch nicht nur Chronistenpflichten. Ein großer Teil der Alltagsarbeit (auch jener Alexanders) bleibt dabei oft zwangsläufig klein-klein. Alles ist Prozess, immer geht es um Zwischenschrittfolgen und um die nächste Wendung.

Der wesentliche Wert von "Machtverfall" besteht nun darin, die Chronistenpflicht zu einer Chronistenkür auszubauen. Robin Alexander arrangiert und dramatisiert all die kleinen Abläufe und Anekdoten, die für sich überwiegend zwar bekannt sind - die aber erst derart auf Buchlänge geordnet und zusammengesetzt ein interessantes Schlachten- und Sittengemälde deutscher Politik ergeben. Im Ergebnis steht ein Text wie Kirchenmalerei - je mehr man sich auch für nebensächliche Figuren und Szenen wirklich interessiert, desto mehr Freude hat man an der zuweilen auch düsteren Pracht des Ganzen.

Die Erzählung beginnt mit der Trump-Wahl

Der Erzählbogen von "Machtverfall" ist dabei deutlich weiter gefasst als in "Die Getriebenen". Alexander beginnt nach der Wahl Trumps bei einem letzten Abendessen Angela Merkels mit dem scheidenden US-Präsidenten Obama in Berlin. Ihr lange unbedingter Wunsch, anders als ihre Vorgänger selbstbestimmt das Amt zu verlassen, weicht bald der Erkenntnis wie dem Auftrag, als letzte liberale Kraft von Rang den Weltladen noch ein paar Jahre zusammenhalten zu müssen.

Dieser Beschreibung einer globalen Mission für die Geschichtsbücher inklusive der ersten Reise zu Trump lässt Alexander unmittelbar am Anfang einen Gegenschnitt folgen - zu Corona, der MPK, zu Söders Schuss gegen Olaf Scholz, dieser brauche "gar nicht so schlumpfig herumzugrinsen". Der Autor kommentiert angenehm trocken: "Merkels letzte Etappe ihrer Amtszeit hatte im Weißen Haus begonnen. Sie endet in Schlumpfhausen."

Die Aktualität erzwingt das Copy-Paste-Prinzip

Nach diesem Auftakt geht es überwiegend chronologisch vom Frühjahr 2017 bis ins Frühjahr 2021 und an einen Scheitelpunkt allgemeiner Erschöpfung, nämlich dem vorläufigen Ende des Machtkampfes Laschet gegen Söder um die Kanzlerkandidatur der Union. Kurze Vergewisserung mit Blick in den Kalender, weil alles Zeitgefühl ja längst einem nervösen Alles-ist-Jetzt-Umnachtung gewichen ist: Ja, dieser Machtkampf ist noch gar nicht so lange her. Und so gründlich dieses Buch zweifellos recherchiert worden ist, so sehr merkt man an einigen wenigen Stellen, dass sein womöglich selbst getriebener Autor am Ende reichlich digitale Bastelarbeit mit der Copy-and-Paste-Schere hat leisten müssen.

Der kleine Preis für die ökonomisch sicher nachvollziehbare Idee, "Machtverfall" rechtzeitig vor Sommerferien und Bundestagswahlkampf zu veröffentlichen, sind einige Redundanzen. Doppelt wird die anfängliche Einschätzung von Jens Spahn geschildert, am meisten Sorgen mache er sich nicht wegen des Virus selbst, sondern wegen grassierender Verschwörungstheorien. Doppelt wird auch Angela Merkels Ansage geschildert, die Wahl von Thomas Kemmerich als Ministerpräsident Thüringens müsse rückgängig gemacht werden.

Derlei aber ist zu vernachlässigen. Wichtiger ist, dass Robin Alexander durch die Dichte und Klarheit seines Erzählens ein Stück Dokutainment fabriziert, bei dem man mit Details und Schlüsselloch-Anekdoten fortwährend bei Leselaune gehalten wird. Fast wie nebenbei lernt man dabei die Genese der Corona-Politik wie die des Machtkampfes um den CDU-Vorsitz besser zu verstehen, fast wie nebenbei auch liefert der Autor kleine interessante Charakterstudien und Konfliktbiografien des handelnden Personals von Annegret Kramp-Karrenbauer bis Armin Laschet.

Das Thüringer Personal garantiert für Komik

Es entsteht eine Art Politthriller, aber einer wie von Helmut Dietl. Mit besonderem Drama und besonderer Komik bringt sich dabei das Personal aus Thüringen ein. Einmal skizziert Alexander, wie Merkel den zwischenzeitlichen Nicht-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow telefonisch nicht erreicht, weil der gerade in einem Funkloch wandert. Weil es eilig ist, setzt Kanzleramtschef Helge Braun die Thüringer Polizei in Marsch. Ramelow ruft nun aber doch zurück, er erfährt aus dem Kanzleramt, dass Kemmerich gerade zurückgetreten sei und ruft darauf "Scheiße!", weil er die Landesverfassung natürlich besser kennt als Merkel und vor ihr weiß, dass sich aus diesem Rücktritt zunächst ein strategisches Problem ergibt.

So bleibt die Zeit beim Lesen rückwirkend mitunter kurz stehen und reichert etwas an, was man im geschilderten Moment selbst damals eher als Hektik und Durcheinander wahrgenommen hatte. Alexander reizt das Vertrauen in seine Person dabei allerdings stark aus, manchmal auch zu stark. Nach der schönen Auftaktbeobachtung, Annegret Kramp-Karrenbauers Traum vom Einzug ins Kanzleramt ende "vor einer sächsischen Autobahnraststätte" schildert der Autor den desaströsen Ausflug der damaligen CDU-Chefin zur Landtagsfraktion in Erfurt. Bei der Rückfahrt, so Alexander eben nur gefühlt live aus der Fahrgastzelle, stecke sich diese "Kopfhörer in die Ohren, um Musik zu hören, und schläft sofort ein".

© SZ/rop
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