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Merkel in Nordrhein-Westfalen:"Das war's dann auch von meiner Seite"

Merkel, Laschet, Düsseldorf

Auf Abstand und doch nah: Kanzlerin Merkel (M.) mit Ministerpräsident Laschet (re. neben ihr) und dem NRW-Kabinett vor Düsseldorfs Ständehaus.

(Foto: Sascha Schuermann/AFP)

Kanzlerin Merkel besucht Ministerpräsident Laschet. Der mögliche Kanzlerkandidat verzichtet auf pompöse Inszenierungen - und wird trotzdem beschenkt.

Von Jana Stegemann und Christian Wernicke, Düsseldorf/Essen

Gegen Viertel nach drei Uhr am Dienstag weiß Armin Laschet, dass es ein guter Tag für ihn werden wird. Da steht Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident im Düsseldorfer Ständehaus und vernimmt, was die Frau über ihn sagt, die er demnächst beerben will. Das, was dann kommt, könnte man nach den Berliner Regeln der Nichteinmischung als maximal möglichen Zuspruch der Amtsinhaberin von oben werten. Oder als Erbschein.

Angela Merkel lächelt milde, als sie nach den Talenten ihres Gastgebers gefragt wird - kann der Kanzler? "Als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen bringt er viele Qualifikationen mit", sagt sie. Um sich dann, so scheint es, in Zurückhaltung zu üben. "Ansonsten", fügt Merkel knapp hinzu, "werde ich mich nicht einmischen." Der Rest sei schlicht "eine freie Entscheidung der CDU."

Nur, dann holt Angela Merkel eben noch mal Luft. Und zieht richtig aus - zum Ritterschlag für Armin aus Aachen. Ausführlich preist Merkel, wie Laschet "das größte Bundesland der Bundesrepublik Deutschland regieren" könne. Wie er das Land führe "in einer Koalition aus CDU und FDP, die effizient arbeitet, und die nicht durch besonders viel Streitereien auffällt" - das imponiert ihr, zumal nach Jahren rot-grüner Selbstzermürbung. Also: "Dann ist das zumindest das Rüstzeug, das durchaus Gewicht hat." Kurze Pause, die Kanzlerin weiß, dass sie genug gesagt hat. "Das war's dann auch von meiner Seite."

"Genug - es wird ja nicht besser", sagt nach einer Minute Stillstehen die Kanzlerin

In der Tat, das genügt als Signal für Laschet. Und als Kontrapunkt gegen alle anderen, die CDU-Chef oder Kanzler werden wollen. Wenige Minuten zuvor waren die beiden mit einem gläsernen Aufzug die knapp 20 Meter unters aufgeheizte Glasdach des Ständehauses gefahren. Neben Merkel hängt eine gewaltige silberfarbene Kugel, über ihr ein Spinnennetz aus Stahl.

Das historische Gebäude am Kaiserteich in der Innenstadt beherbergt zeitgenössische Kunst, von 1949 bis 1988 tagte hier der Landtag. Im weitaus kühleren Erdgeschoss hatte die Kanzlerin zum ersten Mal an einer Sitzung des nordrhein-westfälischen Landeskabinetts teilgenommen. Den Wirtschaftsminister beglückwünschte sie zum 60. Geburtstag, er bekam einen Fitnesstracker.

Die Kanzlerin beschenkt am Dienstag aber vor allem ihren Parteikollegen und Kanzleraspiranten Laschet. Der 59-Jährige ist seit Monaten als oberster Corona-Lockerer des Landes verschrien, seine Umfragewerte abgerutscht. Jetzt lobt die Kanzlerin den korrigierten Kurs zur Bekämpfung der Corona-Pandemie.

Laschet hatte vor der Kabinettssitzung wieder schärfere Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus gefordert. Das Prinzip der Landesregierung sei: "Wenn Infektionszahlen sinken, müssen Grundrechtseingriffe zurückgenommen werden - wenn Infektionszahlen steigen, müssen Schutzvorkehrungen verstärkt werden."

Auch Merkel spricht in Düsseldorf noch mal vom "Zügel anziehen, um das Virus in Zaum zu halten". Einig sind sich beide, dass Einschränkungen nicht wieder zuerst die Schulen und Kinder treffen dürften. Merkel plädiert besonders für die Maskenpflicht an weiterführenden Schulen - NRW ordnete sie als erstes Bundesland an. Dies sei besser, so Merkel, als nach zwei Wochen die Schulen wieder zu schließen.

Auch die 150 Euro Bußgeld bei Verstoß gegen die Maskenpflicht in den Bussen und Bahnen des bevölkerungsreichsten Bundeslandes gefällt der Kanzlerin: "Ich bin sehr dankbar, wenn Bußgelder verhängt werden auch für das Nichttragen von Masken oder Ähnlichem. Das sind nicht einfach Bagatelldelikte, sondern das sind immer wieder auch Gefährdungen der Mitmenschen."

Fast überschwänglich lobt Merkel Laschets umstrittenen Besuch im überfüllten Flüchtlingslager Moria. "Ich will danken für die Reise nach Griechenland", sagt die Kanzlerin. Dabei sei es um "den Kern der europäischen Werte gegangen", findet Merkel und hebt hervor, dass NRW "immer wieder seine humanitäre Seite zeigt, auch wenn ich weiß, was es in den Städten hier sonst noch an Problemen gibt".

Was hat ihr denn nun besser gefallen: die Söder-Inszenierung auf Schloss Herrenchiemsee mit Bootstour und Kutschfahrt oder der "Arbeitsbesuch" in Düsseldorf? Die Kanzlerin lächelt, Laschet grinst. Dann sagt Merkel: "Ich bin ein Mensch, der sich an vielen Dingen erfreuen kann. An einer Kutschfahrt genauso wie am Aufenthalt in einer Kabinettssitzung eines früheren Landtags von Nordrhein-Westfalen."

Danach geht es für die Kanzlerin und ihren möglichen Erben ins Ruhrgebiet zur Zeche Zollverein. Oben auf dem Dach der früheren Kohlenwäsche stehen die beiden beim Fototermin. Erinnerungsfoto, ohne Schloss, mit Förderturm der einst größten Zeche Europas. Nach einer Minute ist Schluss. "So", sagt Merkel, "genug - es wird ja nicht besser." Armin Laschet nickt. Für ihn hat sich der Merkel-Besuch längst ausgezahlt.

Aber das verarmte Ruhrgebiet - seit Ausbruch der Pandemie liegt die Arbeitslosigkeit wieder über zehn Prozent - hat nichts davon, nicht mal ein einziges Kanzlerwort fällt zu den 14,5 Milliarden Euro Altschulden der Revierstädte.

© SZ vom 19.08.2020/gal
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