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Merkel in Japan:Sie können nicht mit, aber auch nicht ohne Trump

Bundeskanzlerin Merkel in Japan

Glauen an "Win-Win-Situationen" durch offene Zusammenarbeit: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Japans Ministerpräsident Shinzo Abe.

(Foto: dpa)
  • Bundeskanzlerin Merkel und Japans Ministerpräsident Abe werben in Tokio für Freihandel und internationale Zusammenarbeit.
  • Japan und Deutschland sehen ihre Interessen gefährdet durch den Handelsnationalismus von Trump, beide Länder sind aber auch auf ihre Weise angewiesen auf die Sicherheitsgarantien der Amerikaner.
  • Beim Thema Venezuela endet allerdings die Einigkeit.

Angela Merkel hat schon über Fragen der Industrieproduktion gesprochen, über die Agenda des bevorstehenden G-20-Gipfels in Osaka und über das 2021 zu begehende 160-jährige Jubiläum deutsch-japanischer diplomatischer Beziehungen. Nun verspürt sie das Bedürfnis, grundsätzlich zu werden. "Das ist ja ganz interessant", sagt sie. "Deutschland und Japan liegen sehr weit auseinander, aber im Kern ist nur einmal Russland dazwischen und wir schauen von zwei Seiten auf Russland."

Einmal Russland - was das bedeutet, weiß an diesem Abend in Tokio eigentlich niemand besser als Merkel. Sie hat einen elfstündigen Flug in den Knochen. Die Route führte hauptsächlich über "einmal Russland". Nach 25 Stunden in Tokio geht es wieder zurück. Aber deshalb hat sie sich ja dieser Anstrengung unterzogen - um diesen Punkt zu machen. Man schaue "von zwei Seiten" auf Russland, sei sich aber einig. Nicht nur über Russland. Grundsätzlich.

Ihr japanischer Gastgeber, Ministerpräsident Shinzo Abe, weiß es sehr zu schätzen, dass die "liebe Angela sich eigens auf die weite Reise" begeben hat. "Der Protektionismus in der Welt greift um sich. Großbritannien steuert auf den Austritt aus der EU zu." Da sende der Besuch Merkels so kurz nach Inkrafttreten des Partnerschaftsabkommens zwischen der EU und Japan eine "kraftvolle Botschaft" für den Freihandel. Es ist für die Jahreszeit ungewöhnlich warm in Tokio, was Abe während der gemeinsamen Pressekonferenz die Gelegenheit gibt, seine Freude über den Besuch der Kanzlerin in noch blumigere Worte zu kleiden: "Bundeskanzlerin Merkel hat den Frühling nach Japan gebracht."

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Es ist der fünfte Besuch der Kanzlerin. Die Japaner zählen da genau mit, und nicht nur nebenbei registrieren sie, wie oft sie in China war. Öfter. Elf Mal, um genau zu sein. Ihr letzter Besuch liegt zweieinhalb Jahre zurück, was so lange her auch wieder nicht ist, Merkel nun aber dennoch zerknirscht damit entschuldigt, "dass wir sehr lange für die Regierungsbildung gebraucht haben". Im Sommer war bereits der Außenminister da. Vor Studenten sprach Heiko Maas von einem "Schulterschluss" und reihte Japan ein in seine "Allianz der Multilateralisten". Merkel macht sich diese Wortwahl nicht zu eigen, und letztlich auch nicht die Idee dahinter. Sie sucht in Abe einen Partner, aber nicht im strengen Sinne einen Verbündeten.

Beide Länder sehen ihre Interessen gefährdet durch den Handelsnationalismus von Donald Trump. Beide Länder sind aber auch auf ihre Weise angewiesen auf die Sicherheitsgarantien der Amerikaner, was erklären könnte, dass der Name Donald Trump kein einziges Mal fällt während der Pressekonferenz. Merkel sagt es lieber so: Hier würden "zwei Ländervertreter miteinander arbeiten, die glauben, dass sehr gute Win-Win-Situationen entstehen können, wenn alle Partner offen miteinander zusammenarbeiten".

Beim Thema Venezuela wird Abe schmallippig

Es fügt sich, dass am Freitag das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Japan in Kraft getreten ist, das auf einem Markt mit 635 Millionen Menschen weitgehend Zölle und Handelsbarrieren beseitigt. Man habe bewiesen, dass man in der Lage sei, so ein Abkommen abzuschließen in einer Zeit, in der multilaterale Abkommen "zum Teil in schwierigem Fahrwasser sind". Das geht dann eben doch gegen Trump, der Abes Traum vom Transpazifischen Partnerschaftsabkommen TTP hat platzen lassen und die Europäer an einen neuen Versuch mit einem transatlantischen Abkommen vom Schlage TTIP erst gar nicht denken lässt.

Insofern ist es doch ein Schulterschluss. Wie Merkel singt Abe das hohe Lied auf den Freihandel. Er sagt: "Zusammen mit Angela werde ich weiter zu Freiheit und Stabilität in der Welt beitragen."

Merkel und Abe wollen erkennbar nicht nur den Handel betonen. Abe spricht etwa über das japanische Engagement in Afrika, welches von Merkel sehr gelobt wird. Angetan zeigt sich die Kanzlerin auch darüber, dass die Japaner auf dem westlichen Balkan aktiv sind. Im Gegenzug verspricht sie, Deutschland werde darüber "nachdenken", wie es das japanische Konzept eines "offenen pazifischen Raumes" unterstützen könne.

Merkel weiß, dass Abe dies hören will, dass er auch klare Worte in Richtung eines immer aggressiver auftretenden China wünscht. "Wir beide sind der Meinung, dass man mit China zusammenarbeiten muss, dass man aber auch die Punkte ansprechen muss, die nicht so einfach sind", sagt Merkel.

Interessanterweise äußert sich Merkel dann ausgerechnet in Japan auch noch einmal besonders klar in Sachen Brexit. Abe hat das Thema von sich aus angesprochen, er fürchtet die Folgen für die Weltwirtschaft. Japanische Unternehmen sind in Großbritannien sehr aktiv. Ein Brexit ohne Abkommen müsse verhindert werden, fordert Abe. Das findet Merkel auch. Das Abkommen könne nicht aufgeschnürt, das Problem mit der inneririschen Grenze aber doch gelöst werden. "Da muss man kreativ sein. Da muss man aufeinander hören", sagt sie.

Während ihrer Pressekonferenz unternehmen Merkel und Abe dann so etwas wie eine außenpolitische Weltreise, die sie schließlich unweigerlich auch nach Venezuela führt. Merkel erkennt den bisherigen Oppositionsführer und Parlamentspräsidenten Juan Guaidó als Übergangspräsidenten an. So weit ist Abe offenkundig nicht. "Ich bin dafür, dass das friedlich und demokratisch gelöst wird", sagt er schmallippig. In den Weiten der Weltpolitik stößt das deutsch-japanische Paar dann doch an seine Grenzen.

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