Merkel in Israel:Reise in ein Land der Beklommenheit

Der Aufstand in Ägypten bedeutet für Israel das Ende aller Gewissheiten: In Jerusalem stößt Kanzlerin Angela Merkel auf verunsicherte Gesprächspartner - und fühlt sich an die Zeit des Mauerfalls erinnert.

Stefan Braun, Jerusalem

Immerhin, am späteren Abend hat sich der Sturm verzogen. Angela Merkel und Benjamin Netanjahu stecken die Köpfe zusammen. Sie speisen, flüstern und freuen sich ein klein wenig über die Ruhe des Augenblicks - eines sehr kurzen Augenblicks ohne Streit und ohne neue ägyptische Katastrophen. Gerade haben sie das Glas füreinander erhoben; und sie haben hier, im Ballsaal des ehrwürdigen King-David-Hotels, schöne Worte füreinander gefunden.

Angela Merkel Netanjahu

"Ich möchte dir danken für die Art, wie du mit den Dingen umgehst": Israels Premierminister Benjamin Netanjahu (l.) fand warme Worte für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch das Chaos in Ägypten beunruhigt Israel.

(Foto: AP)

Israels Premierminister freut sich über die "große Freundschaft" und schwärmt von den Führungsqualitäten Angela Merkels: "Ich möchte dir danken für die Art, wie du mit den Dingen umgehst." Die deutsche Kanzlerin revanchiert sich, schwärmt von den "lieben israelischen Freunden" und erhebt ihr Glas "auf dein persönliches Wohlergehen". Überall im Saal stoßen Gläser gegeneinander - wie helle, kurze Glockenschläge für die deutsch-israelische Freundschaft.

Nun ist derlei eigentlich selbstverständlich. Eine Regierung besucht die andere, das endet meist mit schönen Worten und gutem Essen. Diesmal aber liegen die Dinge anders. Nur eine knappe Stunde vorher hat es zwischen Netanjahu und Merkel einen mittelschweren Konflikt gegeben. Für Netanjahu, seit Jahrzehnten ein politischer Raufbold, ist das nicht überraschend. Für Merkel, die standfeste Israel-Freundin, ist es außergewöhnlich - und hat seine Wurzeln in diesen außergewöhnlichen Zeiten. Aus Merkels Delegation heißt es, dies seien "Zeiten, in denen Geschichte geschrieben" werde. Rund um Israel, so scheint es, fallen alte Sicherheit in sich zusammen. Merkel hat für sich daraus einen Schluss gezogen: Wer in diesen Stürmen nicht untergehen möchte, muss selbst handeln.

Genau das sieht Netanjahu noch ganz anders. Nachdem Merkel erst hinter verschlossenen Türen, dann auf offener Bühne viel mehr Engagement für einen Frieden und dazu passend einen Siedlungsstopp gefordert hat, redet sich Netanjahu in Rage. Er schimpft über die ewig währende Debatte über Israels Siedlungen, und er wettert gegen die Palästinenser, die aus ganz anderen Gründen nicht für einen Frieden bereit seien.

"Ich bin jetzt vielleicht nicht politisch korrekt", fügt er an, "aber es geht nicht um Siedlungen im Westjordanland, es geht um die Siedlung Tel Aviv, es geht um die Siedlung Haifa, es geht um die Siedlung Jaffa." Ihm geht es, wie immer, um alles. In kleiner Runde hat Netanjahu davon gesprochen, die Welt habe es in ihren Genen, dass allein Israel schuld sei am Stillstand. Bei der Pressekonferenz in einem vom Winterwind umtosten Pressezelt spürt man, wie sehr ihn diese Weltsicht prägt.

Zum offenen Affront freilich kommt es auch deshalb nicht, weil Merkel gerade jetzt Freundin sein möchte. Und weil sie spürt, wie groß Sorge, Beklommenheit und Erschütterung sind auf israelischer Seite. Denn das, was sich gerade in Ägypten abspielt, ist nichts weniger als der Einsturz fast aller Gewissheiten. "Sie sind so verunsichert wie seit Jahrzehnten nicht mehr", ist aus der deutschen Delegation zu hören, "deshalb muss man verstehen, dass sie erst mal innehalten möchten." Genau das allerdings befürchtet Merkel auch: "Die Ruhe ist trügerisch", lautet ihre Botschaft auf dieser Reise. Die Jahreszahl 89 kommt ihr hier zwar nur sehr kurz und fast verschluckt über die Lippen. Doch wer sie in den zwei Tagen begleitet, spürt schnell, dass sie sich beim Blick auf Ägypten eben doch an die rasend schnellen Veränderungen nach dem Mauerfall erinnert. In solchen Tagen, denkt sie, bleibt kein Stein auf dem anderen.

Realismus, Angst und die Bitte um Hilfe

Merkel hat ihre ersten fünf Jahre im Amt dazu genutzt, sich in Jerusalem als Freundin Israels Vertrauen zu schaffen. Jetzt aber wird sie getrieben von der Angst, dass ein Ägypten im Chaos nicht nur als fast einziger Friedenspartner wegfällt. Für genauso gefährlich erachtet sie die Folgen eines möglichen Umsturzes für Machmud Abbas, den Palästinenserpräsidenten. Er nämlich würde dann einen zentralen Rückhalt verlieren. "Wir fürchten", heißt es aus Merkels Umgebung, "dass Israel die Partner für den Frieden ausgehen."

Und das ist noch nicht einmal alles. In der aufgeheizten Stimmung bekommt Merkel auch die in diesen Stunden noch einmal rasant wachsende Angst vor Iran zu spüren. Dies hört sie in allen Gesprächen. Dabei fällt besonders auf, dass sich Premierminister Netanjahu und Oppositionsführerin Tzipi Livni überhaupt nicht unterscheiden. Livni, so wird später berichtet, redet vor allem über die Gefahren, die vom Regime in Teheran gerade jetzt ausgehen würden, da in Ägypten und womöglich in anderen arabischen Staaten die Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt werden könnten. "Nutznießer Iran - das fürchten die allermeisten", heißt es anschließend aus Teilnehmerkreisen. Gespeist wird die Furcht von dem Gefühl, Schritt für Schritt umzingelt zu werden, seitdem die islamistische Hamas in Gaza herrscht und die schiitische Hisbollah im Libanon den Ministerpräsidenten stellt.

Unsicherheit ist das Wort dieser Reise. Kleine Inseln der Ruhe gibt es in den zwei Tagen trotzdem. So trifft die Kanzlerin am Dienstagmittag junge Deutsche und Israelis, die im jeweils anderen Land Sozialarbeit leisten. Und danach erhält sie den Ehrendoktortitel der Universität Tel Aviv. Beifall gibt es beide Male, mal für die jungen Menschen, mal für die Regierungschefin. Es sind die angenehmsten Momente in unangenehmen Zeiten.

Von einer ganz anderen Insel spricht denn auch Schimon Peres. Israels Präsident sieht die große Armut als entscheidende Ursache für die gewaltigen Umbrüche in Israels direkter Umgebung. Er fasst seine Sorge in drastischer Form zusammen: "Wir können nicht ewig eine Insel bleiben in einem Ozean aus Armut." Realismus, Angst, Bitte um Hilfe - in diesem Satz steckt etwas von alledem. Und Merkel weiß das.

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