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Merkel in Heidenau:"Deutschland hilft, wo Hilfe geboten ist"

Im sächsischen Heidenau spricht die Bundeskanzlerin nur mit Flüchtlingen und Helfern. Merkel ignoriert die rechten Pöbler, deren Hass schlägt ihr entgegen.

Schon wieder Buhrufe für die Kanzlerin. Als Angela Merkel aus dem Auto steigt, hallen sie dumpf über den Parkplatz. Eine kleine Gruppe Menschen hat sich vor dem Erstaufnahmelager in Heidenau versammelt. Es ist das zweite Mal in 24 Stunden, an dem der Kanzlerin Ablehnung entgegenschlägt.

Am Tag zuvor war sie zum Bürgerdialog in Duisburg-Marxloh, einem Problemstadtteil: hohe Arbeitslosigkeit, hoher Migrantenanteil, viel Ärger. Dorthin war Merkel gereist, um mit Bürgern über ihre Probleme zu sprechen. Auch hier hörte sie das lang gezogene "Buuuuhhh".

Nun ist sie also in Heidenau, einer Kleinstadt zwischen Dresden und der Sächsischen Schweiz. 16 000 Einwohner. Und jetzt sind noch mal 575 Flüchtlinge dazu gekommen. Sie machen nicht mal vier Prozent der Bevölkerung aus. Und dennoch fürchten sich die Menschen vor Zuständen wie in Marxloh.

Kanzlerin nennt Ausschreitungen "beschämend" und "abstoßend"

Doch Merkel ist nicht hier, um sich dieser Ängste anzunehmen. Sie ist hier, um sich mit den Flüchtlingen zu unterhalten und mit den Helfern. Ihr wurde vorgeworfen, zu lange geschwiegen zu haben angesichts der zunehmenden Gewalt gegen Flüchtlinge und Heime. Erst nach den Krawallen gewaltbereiter Rechtsextremer mit dutzenden verletzten Polizisten in Heidenau äußerte sich die Kanzlerin deutlich. Damals nannte sie die Vorgänge "abstoßend" und "beschämend" - die gleichen Adjektive verwendet sie heute wieder.

Bei der Ankunft vor der Erstaufnahmeeinrichtung macht sie keinen Schritt auf das Grüppchen buhender Menschen zu. Schnurstracks läuft sie auf den Heidenauer Bürgermeister Jürgen Opitz zu, der bereits vor dem Tor wartet. Neben ihm steht Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Für ihn ist es mittlerweile der zweite Besuch in Heidenau. Anderthalb Stunden bleibt die Kanzlerin in dem umgebauten Baumarkt, der von einem hohen Zaun umgeben und zudem von einer Plane verhängt ist.

Die Gruppe der Unzufriedenen wird immer größer und redet sich heiß in der Hitze. "Wie soll man das denn alles bezahlen?", fragt eine ältere Frau. Sie war schon beim Besuch von Vizekanzler Sigmar Gabriel da. "Da sind 80 Prozent Männer drin", ruft sie und zeigt in Richtung des umgebauten Baumarkts. "Was machen die den ganzen Tag, sitzen nur rum?"

Eine junge Frau will ruhig mit den Umstehenden sprechen, sie will erklären, was Erstaufnahme bedeutet. Dass die Flüchtlinge gerne arbeiten wollen, es aber nicht können. Als sie die Frage, ob sie denn von hier sei, verneint, wird sie gleich niedergeplärrt: "Ach, ein Wessi. Von Ihnen lass ich mir gar nichts sagen." Die Helferin lebt in Dresden, aber das kann sie gar nicht sagen. Am Ende kapituliert sie: "Ich habe das Gefühl, ich bin von Rassisten umgeben."

In der gleichen Zeit bildet sich auf der anderen Straßenseite ein lang gezogener Mob von ungefähr 200 Menschen. Männer und Frauen stehen auf dem Parkplatz eines Einkaufsmarktes. Rechtsextreme sind durch ihre Kleidung zu erkennen. Die Masse brüllt: "Volksverräter", "Wir sind das Volk", "Lügenpresse". Auch stolze Rufe "Wir sind das Pack" - in Anspielung auf die Worte von SPD-Chef Gabriel. Dazwischen laufen kleine Kinder und auf der Bundesstraße 172 fahren laut hupend Autos vor der Erstaufnahmeeinrichtung vorbei.

"Keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen infrage stellen"

Als Merkel vor die Presse tritt, scheint sie unberührt von all dem Lärm. Sie lobt das Engagement der vielen Ehrenamtlichen, die sich derzeit in Heidenau engagieren. "Das ist beeindruckend, was ihr hier auf die Beine gestellt habt", sagt die Kanzlerin. Gleichzeitig verurteilt sie erneut die rassistischen Anfeindungen gegenüber Flüchtlingen: "Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen infrage stellen." Es würden alle Anstrengungen unternommen, deutlich zu machen: "Deutschland hilft, wo Hilfe geboten ist", betont Merkel.

Zu Bürgermeister Jürgen Opitz sagt sie: "Ich wünsche Ihnen alles Gute". Bevor sie in ihr Auto steigt, unterhält sie sich noch leise mit dem CDU-Politiker. "Verpiss dich" ruft plötzlich jemand. "Volksverräter, Volksverräter", geifert es wieder aus der Menge. Merkel steigt in das Auto. Opitz bleibt zurück.

© SZ.de/mati

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