Merkel in den USA:Wie die deutsch-amerikanische Beziehung die Ära Trump überleben kann

Merkel und Trump müssen bei ihrem Treffen in dieser Woche eine gemeinsame Arbeitsgrundlage finden - um ihrer Länder willen und für die Zukunft des Westens.

Gastbeitrag von Charles A. Kupchan

Eines der wichtigsten Treffen in Donald Trumps noch junger Amtszeit als Präsident findet an diesem Dienstag statt, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Washington fliegt. Europa ist Amerikas wichtigster Partner, und Deutschland hat in Europa die Führungsrolle inne. Diese Begegnung zweier Spitzenpolitiker der freien Welt wird darüber mitentscheiden, ob der Westen die nächsten vier Jahre überlebt.

Bis jetzt war Trump auf Kollisionskurs mit Merkel; ihr Konflikt betrifft eine Reihe zentraler Fragen, darunter die EU, Nato, Einwanderung, Handel, Russland, der Atomdeal mit Iran und der Klimawandel. Die Meinungsunterschiede sind tief verwurzelt. Trump will das Establishment aufrütteln und die politische Mitte unterminieren, um den Erwartungen seiner populistischen Basis gerecht zu werden. Merkel will dem Establishment die Sicherheit zurückgeben und die Mitte konsolidieren, um die Populisten zu neutralisieren. Trump ist impulsiv und laut. Merkel ist ruhig und stetig.

Trotzdem müssen sie irgendwie eine gemeinsame Grundlage finden: Es geht schließlich um die Zukunft des Westens. Trump rühmt sich gern als Meister der Verhandlungskunst; nun muss er dieses Talent für the art of the deal mit Merkel unter Beweis stellen. Vor den Wahlen zum Deutschen Bundestag im September will Merkel zeigen, dass sie Trump bändigen und die engen Beziehungen zu Washington aufrechterhalten kann, die während Präsident Obamas Amtszeit geknüpft wurden. Beide werden einige Kröten schlucken müssen, aber die Konditionen für einen Kompromiss zwischen den beiden sind vorstellbar.

Info

Charles A. Kupchan, 58, ist Professor an der Georgetown University und Senior Fellow am Council on Foreign Relations. Von 2014 bis 2017 war er Sonderbeauftragter für nationale Sicherheit des US-Präsidenten.

Trumps Ausfälle gegenüber der EU schaden amerikanischen Interessen

Zunächst einmal muss Trump seine Feindseligkeit gegenüber der Europäischen Union ablegen. Bislang hat er die EU verunglimpft, den britischen Ausstieg begrüßt und die Erwartung geäußert, dass sich auch andere Mitgliedsstaaten dem anschließen. Die EU zu beschimpfen, widerspricht amerikanischen Interessen - ein integriertes, friedliches Europa war über sehr lange Zeit ein vorrangiges Ziel für beide Parteien in Washington. Das Projekt eines gemeinsamen Europas bestimmt die Identität und Politik Deutschlands seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Dass Trump dieses Projekt ebenfalls unterstützt, ist unabdingbar, wenn Washington und Berlin Partner bleiben sollen.

Im Gegenzug könnte Merkel sich einverstanden erklären, die deutschen Verteidigungsausgaben signifikant zu steigern. Nachdem er die Nato zunächst für "obsolet" erklärt hatte, machte Trump in seiner Rede vor dem Kongress am 1. März klar, dass er die Allianz voll und ganz unterstützt. Aber er schlägt weiterhin - verständlicherweise - auf andere Mitgliedsstaaten ein, weil sie keinen fairen Anteil an den Kosten für ihre Sicherheit übernehmen. Da die deutsche Wirtschaft in vergleichsweise guter Verfassung ist, sollte Merkel nun Trump bei einer seiner Top-Prioritäten entgegenkommen.

Eine gemeinsame Position in Sachen Einwanderung wird schwer zu finden sein. Seit 2015 hat Merkel Deutschlands Türen für mehr als eine Million Migranten geöffnet, eine Entscheidung, die Trump "katastrophal" nannte und Merkel damit dort getroffen hat, wo sie verletzlich ist. Sie schlug zurück, indem sie Trumps Einreiseverbot für Bürger aus sieben muslimischen Staaten öffentlich kritisierte.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB