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Merkel in China:Ein Lichtstrahl auf Peking

Die Kanzlerin hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen: Angela Merkel hat sich in China Respekt verschafft, weil sie auch über die Schattenseiten spricht - nicht laut polternd, aber seit Jahren konsequent.

Henrik Bork

Die chinesische Regierung wünscht sich mehr Positives über China in den deutschen Medien. Weniger Kritik. Mehr "Lichtseiten". So hat es Premier Wen Jiabao am Freitag in Peking neben Angela Merkel sitzend formuliert.

Merkel auf Asienreise -

Versteht China wie kaum ein anderer europäischer Staatschef: Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Ministerpräsidenten der Volksrepublik China, Wen Jiabao.

(Foto: dpa)

Fangen wir sofort damit an: Die Handelsbeziehungen zwischen der Volksrepublik und Deutschland sind exzellent. Im ersten Quartal dieses Jahres sind die deutschen Exporte nach China noch einmal um 58 Prozent in die Höhe geschnellt. Es hat den Beziehungen also nicht geschadet, dass Merkel den Dalai Lama getroffen hat. Wenn das nicht positiv zu vermerken ist!

Als "sehr gut" beschreiben chinesische Diplomaten derzeit das Verhältnis zu Deutschland. In Peking haben sie auch die Zahlen addiert und gemerkt, dass China allein mit Deutschland so viel Handel treibt wie mit England, Italien und Frankreich zusammen.

Vor dem Hintergrund der Finanzkrise, der ersten internationalen Krise, die auch China empfindlich getroffen hat, ist Deutschlands Bedeutung für die Volksrepublik noch gewachsen. So haben die Chinesen Merkel diesmal klar signalisiert, dass sie eine weitere Vertiefung der Zusammenarbeit auf allen Ebenen wünschen.

Kontakt zu Regimegegnern

Es lohnt sich aber auch jetzt, auf einem Höhepunkt dieser oft schwankenden, schwierigen Beziehungen zur Kenntnis zu nehmen, dass Merkel in China noch nie ein Blatt vor den Mund genommen hat. Sie reist zwar mit einer hochkarätigen Wirtschaftsdelegation und wohnt artig der Unterzeichnung von Wirtschaftsverträgen in der Großen Halle des Volkes bei. Aber die Kanzlerin hat in ihren bislang fünf Besuchen in Peking jeweils auch den Dialog mit dem Dalai Lama, die Einhaltung der Menschenrechte und die Freilassung inhaftierter Dissidenten angemahnt.

Merkel tut dies seit Jahren konsequent, nicht laut polternd, aber auch nicht verschämt und leise. Das hat ihr in China Respekt verschafft. Es gebe kaum einen anderen westlichen Premier, der China so gut verstehe, wie Merkel dies tue, ist nun aus hochrangigen chinesichen Regierungskreisen zu vernehmen.

Selbst chinesische Dissidenten - gerade aus dem letzten Verhör durch die chinesische Staatssicherheit entlassen - loben die Menschenrechtsdiplomatie der Deutschen in China. Seit Merkels Amtsantritt hält die deutsche Botschaft in Peking im Stillen Kontakt zu gefährdeten Regimegegnern. Dies tut sie neuerdings sogar in auffallendem Kontrast zur amerikanischen Vertretung, deren Menschenrechtsbeauftragter in China seit dem Einzug von Barack Obama ins Weiße Haus auffallend passiv geworden ist.

Deutschland und China treiben fleißig Handel, und beide Seiten profitieren davon. Nun wollen sie ihren Dialog auf höchster Ebene weiter ausbauen. Nicht nur die Regierungschefs, auch die Minister beider Länder sollen sich enger austauschen. Sinn macht das nur, wenn dabei immer auch über Kritisches gesprochen wird. Eben nicht nur über das Licht, sondern auch über die Schatten.

© SZ vom 17.07.2010/pfau

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