Merkel in Chemnitz Drei Monate danach

  • Drei Monate nach dem Tod eines 35-Jährigen und anschließenden rechten Demos hat Angela Merkel Chemnitz besucht.
  • Die Kanzlerin sagte, sie sei gekommen, um sich die "Unzufriedenheit" der Menschen vor Ort anzuhören.
  • Dabei verteidigte Merkel auch ihren umstrittenen Satz "Wir schaffen das", mit dem sie ihre Flüchtlingspolitik im Jahr 2015 beschrieben hatte.
Von Ulrike Nimz und Max Ferstl, Chemnitz

Gleich zu Beginn passiert Erstaunliches: Die Kanzlerin bekommt Applaus, und zwar ausdauernden. "Ich bin hier, um mich mit den Chemnitzern auszutauschen, aber in einer Atmosphäre, in der man reden kann", sagt Angela Merkel und erklärt zunächst, warum sie erst jetzt kommt, 82 Tage nachdem sich ein Graben auftat in der Stadt. "Ich weiß, dass ich ein Gesicht habe, das polarisiert", sagt Merkel. Sie habe warten wollen, bis die Stadt weniger aufgewühlt ist.

Nach etwas sprödem Einstieg ("Ich bin hier, um mir ihre Unzufriedenheiten anzuhören") nimmt sich Merkel Zeit für aufmunternde Worte: Die Chemnitzer könnten stolz sein auf ihre Lebensläufe und die damit verbundenen Kraftanstrengungen. "Das Bürgergespräch", räumt die Kanzlerin ein, "ist in letzter Zeit vielleicht zu kurz gekommen."

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Diesen Freitag macht die Kanzlerin ihre Ankündigung wahr und besucht die Stadt, die im August einiges durchgemacht hat. Die Oberbürgermeisterin sagt, was sie sich von dem Besuch erhofft.  Interview von Ulrike Nimz

120 Menschen sind auf Einladung der Freien Presse in die Hartmannfabrik gekommen. Unter ihnen Dirk Richter, 43, Leistungssportler und Chef einer IT-Firma. "Den Bürgern der Mitte fällt es derzeit schwer, ihren eigenen Kompass zu finden", sagt er. Und tatsächlich ist die Mitte von Chemnitz in diesen Tagen eine Baustelle: Vor dem Karl-Marx-Kopf in der Innenstadt pflügen Bagger. Die Stadt hat begonnen, die Platten des Gehwegs erneuern zu lassen. Dieser sei "zunehmenden Belastungen" ausgesetzt gewesen. Jeden Freitag demonstriert hier die fremdenfeindliche Bürgerbewegung Pro Chemnitz. Zunehmende Belastungen - die hat zuletzt die ganze Stadt aushalten müssen. Seit Ende August ein 35-Jähriger bei einer Messerattacke ums Leben kam, mutmaßlich verübt von Flüchtlingen, seit Neonazis an der Seite von Normalbürgern durch die Stadt zogen und Jagd auf Menschen machten, die sie für Ausländer hielten. Merkel lobt jene Bürger, die sich von den Rechtsextremen abgewendet, ihnen entgegengestellt hätten. "Bei Hass und Hetze müssen wir eine Grenze ziehen." Dann wird es ein paar Grad kühler in der zugigen Hartmannfabrik. Das bestimmende Thema ist nun die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Es geht um den UN-Migrationspakt und die "mediale Zerfetzung" der Stadt. Eine ältere Frau ruft: "Über Deutschland ist Chaos hereingebrochen." Ronny Matthes meldet sich zu Wort. Als Ende 2015 im Chemnitzer Vorort Einsiedel Flüchtlinge in einem ehemaligen Pionierlager untergebracht werden sollten, war er Mitorganisator wöchentlicher Protestmärsche. Ein älterer Herr konfrontiert Merkel mit einem Zitat von 2004: "Multikulti ist gescheitert." Merkel bleibt gelassen und zugewandt, gemeint sei damals etwas anderes gewesen: "Wenn wir nicht auf Integration setzen, darauf, dass Menschen unsere Sprache lernen, dann hat das keine Zukunft." Über den Migrationspakt würden Lügen in die Welt gesetzt, stellt Merkel klar, unterstreicht , dass die illegale Migration reduziert werden müsse. Sie habe Verständnis dafür, dass einigen Menschen das Sicherheitsgefühl verloren gegangen sei. "Aber was wäre ich für eine Kanzlerin, wenn ich nicht sagen würde, wir schaffen das?"

Im Publikum sitzt auch Barbara Ludwig (SPD), seit 2006 Chemnitzer Oberbürgermeisterin. Manche nennen sie zärtlich "Babalu". Auch Ludwig fremdelt mit dem Bild, das von ihrer Stadt in die Welt ging. "Karl-Marx-Kopf, Deutschlandfahnen, Hitlergrüße und ein nackter Hintern. Das soll Chemnitz sein?" Ihr Name ist vor allem mit Aufschwung verbunden. Für die "sehr positive Entwicklung der Stadt" bekam sie im Juni die Sächsische Verfassungsmedaille. "Wir haben einen konsolidierten Haushalt, eine lebhafte Kulturszene, wir eröffnen neue Schulen", sagt Ludwig. "Ich würde mir wünschen, dass jetzt, wo man die Stadt einmal auf der Landkarte gefunden hat, auch die Erfolge erwähnt."

Chemnitz, früher eine klassische Arbeiterstadt

Chemnitz, sagt Ludwig, sei lange eine typische Arbeiterstadt gewesen: Wertschöpfung vor Lebensgenuss. Das ändere sich nun langsam. Auch mit der Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025. "Keine Frage, die Ausschreitungen sind ein Rückschlag", sagt sie, aber man wolle den Weg trotzdem gehen.

Dass dieser beschwerlich werden könnte, hat jüngst der Sachsen-Monitor gezeigt; eine repräsentative Umfrage, mit der die Landesregierung jährlich politische Einstellungen ermittelt. Ein Ergebnis: In Chemnitz fühlen sich deutlich mehr Menschen als Bürger zweiter Klasse als in anderen Regionen Sachsens. Was kann ein Politikerbesuch da leisten?

Merkel war schon einmal in Chemnitz, 2009, anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Technischen Hilfswerks in den ostdeutschen Bundesländern. Im selben Jahr hielt sie auf sächsischen Marktplätzen Wahlkampfreden. Aus den Boxen dröhnte "Start me up" von den Rolling Stones, und in der Menge buhten nur wenige.

Es ist 17.50 Uhr, als Martin Kohlmann in Hörweite der Hartmannfabrik auf Paletten klettert - seine Bühne. Kohlmann hat den Mantelkragen aufgestellt gegen die Kälte. Und es ist eine kalte Welt, die der Organisator von "Pro Chemnitz" beschreibt: "Wir gewöhnen uns langsam daran, dass Gruppenvergewaltigungen in Friedenszeiten zum alltäglichen Phänomen werden", ruft er. Wer daran Schuld sei, ist für ihn keine Frage: "Das ist Merkels Verdienst." Die Menge johlt. Wie viele gekommen sind, ist schwer zu sagen in der Dunkelheit. 2500 meldet die Versammlungsbehörde - weniger als angekündigt. Sie haben ein Banner über den Zaun geworfen: "Merkel muss weg" steht da.

Hinter dem M steht ein Mann, schwarze Mütze, schwarze Windjacke. Seinen Namen will er nicht sagen. Eigentlich wäre er lieber zum Eishockey gegangen. "Aber das hier ist wichtiger." Dabei ist sein Ziel doch so nah. Jetzt, wo Merkel den CDU-Vorsitz abgibt. "Der Fisch stinkt als Ganzes", sagt der Mann. Er will auch am nächsten Freitag da sein. Drinnen bedankt sich Merkel am Ende bei allen, die etwas für oder gegen sie vorgebracht haben: "Das ist Demokratie." Als Gastgeschenk gibt es ein Chemnitz-Buch, voll mit schönen Bildern der Stadt.

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