Merkel in China:Studienzeit für die Kanzlerin

Bundeskanzlerin Merkel in China

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird in der 11-Millionenstadt Wuhan von Krankenschwestern am Eingang des deutsch-chinesischen Freundschaftskrankenhaus Tongji begrüßt.

(Foto: dpa)

Bei ihrem zwölften Besuch erlebt die Kanzlerin, mit welcher Geschwindigkeit sich in China das Leben verändert. Nach den offiziellen Gesprächen in Peking besucht sie ein deutsch-chinesisches Krankenhaus - und redet Studenten ins Gewissen.

Von Stefan Braun, Wuhan

Vor der Notaufnahme kommt in Wuhan der Geldautomat. Das klingt reichlich nüchtern, und genau das ist es auch. Wer krank wird oder einen Unfall hat, wird in diesem Krankenhaus erstmal zur Kasse gebeten. Um einen Termin bei einem der Ärzte zu erhalten, muss er vor der Sprechstunde nicht nur seine Krankheitsdaten in den Automaten einspeisen, sondern gleich auch noch seine Kreditwürdigkeit beweisen. Genauer gesagt, er muss belegen, was sein Konto hergibt. Den Auszug, den er aus dem Automaten zieht, wird er dem Arzt vorlegen, auf dass dieser (oder diese) über die passende Behandlung entscheidet. Spritze, Operation und Pflege nach Kassenlage - so ist das im deutsch-chinesischen Freundschaftskrankenhaus von Wuhan.

Nun wäre es falsch zu glauben, alles hier sei kalt und abstoßend. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel am zweiten Tag ihres China-Besuchs die große Eingangshalle betritt, lächeln die Ärztinnen um die Wette, die Pfleger sind sehr freundlich und die Leitung des Hauses strahlt ob des hohen Besuchs aus Deutschland. Auch Merkel gibt sich begeistert. "Wahnsinn, was man hier alles zu sehen bekommt", sagt sie beim Vorbeigehen.

Das Tongji-Krankenhaus hat deutsche Wurzeln. Es geht auf den deutschen Arzt Erich Paulun zurück, der 1907 in Shanghai die erste deutsche Medizinschule für Chinesen gegründet hatte. Trotz fürchterlicher Bedingungen und zahlreicher Umzüge während des Zweiten Weltkriegs überlebte die Einrichtung, wurde aber in den fünfziger Jahren nach Wuhan verlegt. Und als sich China mit Deng Xiaoping der Welt wieder öffnete, wuchsen neue Kontakte nach Deutschland. Heute sagt die Kanzlerin, es sei doch schön zu sehen, wie hier lange Linien halten.

Vom Charme des vergangenen Jahrhunderts ist indes wenig geblieben. Das Gebäude ist groß und hell und freundlich und jedenfalls an diesem Tag nicht überfüllt, sondern locker bevölkert. Die Klinik wirkt nicht wie aus der Zeit gefallen; sie erinnert mit seiner mächtigen Spiegelglasfassade an ein riesiges Bankgebäude.

Enge Kooperationen bestehen unter anderem mit der Uni-Klinik in Duisburg-Essen und der Berliner Charité. Kontakte sind das, die die Klinik gerne weiter ausbauen würde. Und so lenkt der Vize-Partei-Sekretär der Klinik, zuständig für Propaganda, den Blick auf die Zahlen. 9000 Mitarbeiter habe die Klinik, 600 Betten stünden hier, überhaupt habe man im vergangenen Jahr 6,4 Millionen Patienten behandelt.

"Alles fällt hier krasser aus als in Deutschland"

Dazu erzählt die Ärztin Silja Zhang, die Ausstattung sei mindestens so gut wie in Deutschland, in manchen Bereichen sogar besser. Die gebürtige Münchnerin kam vor sieben Jahren nach Wuhan und schwärmt von den Bedingungen. Womit bei ihr nicht nur die Technik gemeint ist, sondern vor allem das, was sie als Chirurgin hier jeden Tag operieren kann. "Arbeitsverletzungen, Verkehrsunfälle, häusliche Gewalt - alles fällt hier krasser aus als in Deutschland", erzählt Zhang. Und fügt schnell hinzu, dass sie nur die Symptome behandeln könne, nicht die Ursachen für ihre Arbeitsschwerpunkte.

Nicht mal ganz eine Stunde ist Merkel hier. Und doch erfüllt der Besuch, was er leisten sollte: Die Kanzlerin kann mal wieder studieren, mit welcher atemberaubenden Geschwindigkeit sich in China das Leben verändert. Nicht überall in China, aber bei immer mehr Menschen. Und das längst nicht mehr nur bei denen, die sich mit der Digitalisierung beschäftigen. Diese ist längst im täglichen Leben angekommen. Am Ende des Tages sagt Merkel, es sei einfach spektakulär, wie sich dieses Land wandelt.

Chinas Studenten zeigen, wo ihr Ehrgeiz steckt

Nach den offiziellen Gesprächen in Peking ist sie dieses Mal nach Zentralchina geflogen. Wuhan ist die sechstgrößte Stadt Chinas mit mehr als elf Millionen Einwohnern. Davon sind fast 1,1 Millionen Menschen Studenten. Schon diese Zahl zeigt, wie groß der Druck ist, den gut Ausgebildeten auch eine gute Job-Perspektive zu bieten.

In guten Zeiten, als das Wachstum hoch und die Konflikte in der Welt klein waren, schien das nicht allzu schwer zu werden. Im Augenblick aber wird es immer komplizierter. Manche sagen auch: es könnte noch gefährlich werden, wenn der Handelsstreit mit den USA zu einem Dauerkonflikt würde.

Um eine Ahnung davon zu bekommen, wie Studenten über all das denken, macht Merkel auch an der örtlichen Uni halt. Die Huazhong Universität für Wissenschaft und Technik schickt jährlich zigtausende Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Die Stadt ist kein schlechtes Beispiel dafür, was es heißt, das Rad des Wachstums nachgerade zwangsläufig am Laufen halten zu müssen.

Das Uni-Gelände mit der Aula mittendrin ist teuer und edel, kein Gebäude hat mehr als vier Stockwerke, was in einer Millionenstadt der tausend Wolkenkratzer fast schon an eine Sensation grenzt. Dazu viele Bäume, Blumenbeete und Wasserbassins - man kann hier gut sehen, dass das Land viel Geld in seine Jugend steckt.

Merkel appelliert an die Studierenden

Merkel kommt, um zuzuhören. Vorneweg aber will sie auch eine kleine Rede halten. Sie möchte den Ort nutzen, um den Studierenden ins Gewissen zu reden. Eine Gelegenheit wie diese bekommt sie selten - und das in einer Zeit, in der niemand sagen kann, in welche Richtung China dauerhaft aufbricht. Und so appelliert sie vor den gut 300 Studentinnen und Studenten, bei allem, was man tut, auch an die anderen zu denken.

Das, was man bislang als "nationales Gemeinwohl" bezeichne, müsse immer stärker von einem "globalen Gemeinwohl" abgelöst werden. Jedenfalls für alle, die erkennen würden, dass viele Probleme auf der Welt nicht mehr alleine gelöst werden könnten. Ob nun das Klima oder der Protektionismus und die Handelskonflikte - an vielen Stellen müsse ein gemeinschaftliches Denken ins Zentrum rücken. "Multilateral statt national" sollten die Staaten handeln, so Merkel. "Kurzum: Nicht alleine."

Ob das bei den Studenten ankommt, lässt sich schwer sagen. Deutlich wird, dass sich die allermeisten nur mit einem Thema auseinandersetzen: Wie sie im großen Rennen der Digitalisierung erfolgreich sein können. Ein Fragesteller will sich mit den Deutschen messen. Er fragt, ob Merkel einen Roboterwettbewerb zwischen chinesischen und deutschen Studenten ausrichten könne. Eine zweite, sie leitet das Institut für Künstliche Intelligenz, erkundigt sich nach der Zukunft der klassischen Industrien; immerhin würden die gerade überragt, vielleicht sogar überrannt von der Digitalisierung. Dabei klingt sie nicht nach Mitleid, sondern nach Selbstbewusstsein. Was am Ende einfach nur bestätigt, dass in diesem Land kein Thema mehr Gewicht hat.

Ein anderes wird hier im Übrigen nicht mal angedeutet. Niemand fragt nach der Krise in Hongkong. Wobei man natürlich nicht wissen kann, ob die Lage dort die Studenten hier nicht interessiert - oder ob sie davon die Finger lassen, weil sie sich derzeit damit politisch nur die Finger verbrennen können.

© SZ.de/aner
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