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Kanzlerin:Merkel greift zu ihrem vielleicht letzten Mittel

In einer ihrer letzten Generaldebatten im Bundestag wird die Kanzlerin emotional. Das zeigt, wie wichtig ihr die Botschaft ist: Das Virus ist nicht überstanden.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Angela Merkel hat sich nie viel daraus gemacht, über sich selbst zu reden. Im Gegenteil, sie hat in all den Jahren ihrer Kanzlerschaft, es sind mittlerweile 15, sehr darauf geachtet, ihre Geschichte und ihre Gefühle nicht in den Vordergrund zu rücken. Emotionen, so ihr Credo, seien kein guter Ratgeber; nüchterne Analyse sollte stets ihr Handeln bestimmen.

Selbst der Kampf gegen die Corona-Pandemie hatte daran nicht viel geändert. Natürlich hat die Kanzlerin seit Ausbruch der Krise im Frühjahr viel gemahnt und gewarnt, sie hat an die Menschen appelliert und sie um Mithilfe gebeten. Aber über sich selbst hat sie allenfalls dann kurz gesprochen, wenn Journalisten mal partout nicht klein beigeben wollten.

Nun aber, ausgerechnet in einer ihrer letzten Generaldebatten, hat Angela Merkel das geändert. Zum Ende ihres Auftritts im Bundestag schlug sie wie noch nie die Brücke von sich zu den Menschen, wie kaum je zuvor nahm sie auch für sich in Anspruch, was viele Menschen in diesen heiklen Zeiten beklagen.

Eindringlich redete sie über die Ängste der Leute, über Sehnsucht nach Nähe, Kontakt, Berührung - und fing dann an, von sich selbst zu erzählen. Sie spüre all das genauso, auch ihr gehe es da nicht anders. Und doch, selbst wenn es schmerze, bleibe das Abstandhalten gerade jetzt so wichtig, als "Ausdruck von Fürsorge".

Ausgerechnet zum Finale ihrer Amtszeit setzt Merkel auf Gefühle. Das ist für eine Politikerin wie sie so ungewöhnlich wie spektakulär. Und es zeigt wie keine Botschaft sonst, dass ihre Sorge groß ist. Wenn Angela Merkel Gefühle bemüht, muss es ernst sein. Offenbar ist die Lage heute aus ihrer Sicht noch ernster als im März.

Damals hatte sie sich via Fernsehansprache an die Menschen gerichtet.

Dass es, wenn man auf Gefühle setzt, nicht nur um Angst gehen darf, sondern auch um Hoffnung gehen muss, hat die Kanzlerin zum Glück beherzigt. Während Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) das Wort von der "neuen Normalität" geprägt hat, gibt Merkel jetzt ein ganz anderes Versprechen. Sie betont nicht nur, wie sehr sie die Schulen, Kitas und Jobs schützen will; sie sagt sogar voraus, dass das Leben, wie man es kenne, zurückkehren werde. "Die Familien werden wieder feiern, die Clubs und Theater und Fußballstadien wieder voll sein. Was für eine Freude wird das sein." Und was für eine Angela Merkel ist das, die plötzlich großen Optimismus ausstrahlen möchte.

Das heißt mitnichten, dass die Krise für Merkel vorbei ist. Die Kanzlerin setzt auf Emotionen, weil sie nichts unversucht lassen möchte, um die Menschen nochmals für ihren Kurs der Vorsicht zu gewinnen. So viel Hoffnung steckt in diesem Auftritt. Aber auch so viel Verzweiflung. Selten lag bei Merkel beides so nah beisammen.

© SZ vom 01.10.2020/bix
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