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Bürgerdialog:Manches, was Merkel sagt, wirkt ziemlich hilflos

Viele Eltern haben in der Pandemie große Sorgen. Kanzlerin Merkel hört zu und stellt Fragen, wirkt aber manchmal hilflos.

(Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP)

Im Herbst hatte die Kanzlerin angekündigt, sie wolle Schulschließungen unbedingt vermeiden. Dann kam es anders. Nun konfrontieren Eltern sie mit ihren Sorgen - es ist ein intensives Gespräch.

Von Nico Fried, Berlin

Eva Maria Vogt hat einen Job, zwei Kinder und viel zu erzählen. Die alleinerziehende Mutter aus Rheinland-Pfalz berichtet, wie sie ihr Home-Office vereinbaren muss mit dem Homeschooling für ihr Schulkind; wie sie unfreundlich behandelt wird, wenn sie ihren Nachwuchs zum Einkaufen mitnimmt, weil sie ein achtjähriges noch nicht mit einem zweijährigen Kind alleine lassen will; warum sie vom eben beschlossenen Kinderbonus in Höhe von 150 Euro nur 75 Euro bekommen wird, weil die andere Hälfte dem Vater zusteht, der in Schweden lebt und die Kinder nicht betreut.

Frau Vogt ist die erste von 15 Müttern und Vätern, die Angela Merkel in einer Videokonferenz berichten, wie Familien mit harten und weichen Lockdowns umgehen, mit offenen und geschlossenen Schulen und auch damit, dass sie ihre Freunde kaum noch treffen können. Es ist der fünfte Bürgerdialog, dem sich die Kanzlerin in der Corona-Krise öffentlich stellt. Polizisten, Studenten und Dozenten, Azubis und ihre Ausbilder, Senioren und ihre Betreuer waren im vergangenen Jahr dran. 2021 haben Familien als erste das Wort - und sie machen davon reichlich Gebrauch.

Frau Vogt alleine könnte einen Gutteil der geplanten 90 Minuten füllen, aber nach einiger Zeit ergreift dann doch die Kanzlerin mal das Wort. Merkel sagt, sie wisse, "dass die Situation für Kinder sehr, sehr einschneidend" sei. Sie könne Frau Vogt "jetzt auch keine richtigen Antworten geben", außer dass man alles tue, um die Zahlen der Corona-Infektionen zu senken, damit man das öffentliche Leben wieder öffnen könne. "Da sind Kitas und Schulen als Erstes dran." Das verspricht sie. Aber sie sagt einer anderen Mutter später auch, dass sie lieber "noch drei Tage länger" warten würde, ehe die Schulen öffnen, damit man sie dann nicht womöglich noch mal schließen müsse.

Im Herbst hatte Merkel angekündigt, man wolle unbedingt vermeiden, die Schulen zu schließen. Es kam anders

In diesem Termin kommt einiges zusammen für die Kanzlerin. Im Herbst hatte sie angekündigt, man wolle unbedingt vermeiden, die Schulen zu schließen. Es kam anders. In einer Konferenz mit den Ministerpräsidenten verwahrte sie sich unlängst gegen den Vorwurf von Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig, die Wirtschaft werde geschont, Familien aber würden immer mehr belastet. "Ich lasse mir nicht anhängen, dass ich Kinder quäle und Arbeitnehmer vernachlässige", keilte die Kanzlerin zurück. Und jetzt im Bürgerdialog wird Merkel auch mit den Sorgen vieler Eltern konfrontiert, die Entwicklung ihrer Kinder könne durch die Pandemie Schaden nehmen.

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Der Fernunterricht, erfährt Angela Merkel im Bürgerdialog, läuft im zweiten Lockdown besser als im ersten, aber oft immer noch nicht gut.

(Foto: Science Photo Library/imago)

Es sind leicht nachvollziehbare Probleme, die der Kanzlerin berichtet werden: Es fehlt immer noch an Computern, der Distanzunterricht ist im zweiten Lockdown besser als im ersten, aber oft immer noch nicht gut. Und wenn Eltern und Kinder den ganzen Tag zu Hause arbeiten oder lernen, ist nicht nur der Internetanschluss bisweilen überlastet, sondern auch die Haushaltskasse leer, weil das Schulessen wegfällt und die Stromrechnung steigt.

Andere Schwierigkeiten sind sehr emotional. Die Mutter einer Erstklässlerin sagt, ihr Kind wolle "mich nicht als Lehrerin haben, sondern einfach als Mama". Eine andere Mutter von vier Kindern, die selbst aus Libanon kam und heute in der Flüchtlingshilfe arbeitet, sagt, vielen Familien fehlten die Sprachkenntnisse, um ihren Kindern beim Lernen zu helfen. Manche Eltern trügen noch die Traumata der Flucht mit sich herum. Jetzt, so berichtet die Frau und beginnt zu weinen, komme der Stress dazu, den Kindern nicht mit der Schulbildung helfen zu können.

"Ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken", sagt Frau Vogt am Ende

Es ist ein durchaus intensives Gespräch. Merkel, wie es ihre Art ist, stellt Fragen und versucht, praktische Vorschläge zu machen, Beratungsstellen im Stadtteil oder Pädagogikstudenten für die Schulen. Manches, was die Kanzlerin sagt, wirkt ziemlich hilflos.

Auffallend ist aber auch, dass niemand von den Teilnehmern, die von Familienverbänden ausgesucht wurden, die Beschränkungen grundsätzlich infrage stellt. Im Gegenteil: Frau Vogt sagt am Ende, sie verstehe die Gründe für den Lockdown und habe "höchste Hochachtung" für die Bemühungen der Kanzlerin. "Ich möchte", sagt Frau Vogt zu Frau Merkel, "nicht in Ihrer Haut stecken."

© SZ/pamu/saul
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