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Merkel-Besuch in Gedenkstätte Dachau:Eine Visite mit leichtem Hautgout

KZ Gedenkstätte Dachau

Das stählerne Eingangstor mit der zynischen Inschrift "Arbeit macht frei" im ehemaligen Konzentrationslager in Dachau. Das Lager nahe München wurde wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nazis 1933 errichtet.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Nun holt Bundeskanzlerin Angela Merkel nach, was ihre Vorgänger bislang versäumt haben: Sie besucht die KZ-Gedenkstätte Dachau. Auch wenn dieser symbolische Akt längst überfällig war, hat der Zeitpunkt der Visite einen Beigeschmack.

Die Bundeskanzlerin besucht an diesem Dienstag eine KZ-Gedenkstätte. Sie kommt nach Dachau, wo die Nazis bereits 1933 ein Konzentrationslager errichteten, das zum Vorbild, zum Muster für das KZ-System wurde. Mehr als 30.000 Menschen ließen in Dachau ihr Leben. Die Mordfabrik und die umliegenden SS-Einrichtungen waren zwölf Jahre lang auch ein Teil der bayerischen Kleinstadt, ein Stadtviertel des Grauens am Ostrand Dachaus. Nach 1945 hätten viele am liebsten die Erinnerung daran getilgt.

Ist Merkels Besuch in Dachau etwas Besonderes? Bundespräsidenten und Kanzler reisen doch seit Jahrzehnten immer wieder zu Orten der deutschen Schande oder haben zumindest die Opfer und Hinterbliebenen von Massenmord und Massakern in Frankreich, Polen oder der ehemaligen Sowjetunion um Vergebung gebeten. Und dennoch kann man den Eindruck haben, dass es deutschen Politikern leichter gefallen ist, sich im Ausland zu historischer Schuld und andauernder Verantwortung zu bekennen, als eben dies in Deutschland und an deutschen Tatorten zu tun.

Zum Beispiel Dachau. Vor Merkel war kein Kanzler in dieser Gedenkstätte, und es dauerte bis 2010, als sie erstmals ein Bundespräsident besuchte, damals Horst Köhler. Das hat auch mit den Verhältnissen zu tun, die lange Zeit in Dachau herrschten: Über Jahrzehnte sträubte sich eine informelle Koalition aus CSU und Überparteilichen, aus Traditionalisten und Heimattümlern dagegen, dass "ihre" Stadt immer nur als die KZ-Stadt dargestellt würde und dass man als Dachauer deswegen für die Nazi-Verbrechen besonders in die Pflicht genommen werde.

Damals setzten nicht einmal bayerische CSU-Ministerpräsidenten einen Fuß in die Gedenkstätte, auch weil in dieser Partei selbstkritische Beschäftigung mit der Vergangenheit als "links" galt. Wie absurd. Bis in die Achtzigerjahre hinein tobte in der Stadt ein erbitterter Streit darum, wer die "besseren" Dachauer seien: diejenigen, die sich auf die 1200-jährige Bürger- und Künstlerstadt beriefen, oder diejenigen, die Dachau als einen Lernort für das 20. Jahrhundert verstanden.

Bedeutend, aber zu spät

Der Streit ist heute weitgehend verflogen, was auch eine Generationenfrage ist. Mit einem liberalen CSU-Oberbürgermeister stellt sich Dachau mittlerweile seiner Vergangenheit. Dies ist für die Stadt bedeutend, auch wenn diese Entwicklung spät, zu spät kommt.

Auch Merkel holt eigentlich nur nach, was ihre Vorgänger zum Teil mutwillig, zum Teil fahrlässig versäumt haben. Der Besuch eines Kanzlers (oder einer Kanzlerin) ist eine sehr symbolische Angelegenheit. Er zollt nicht nur den Opfern Respekt, sondern er signalisiert auch die anhaltende Bereitschaft zur Auseinandersetzung.

KZ Dachau - Befreiung

Amerikanische Soldaten inspizieren einen Waggon im KZ Dachau, in dem Leichen von Häftlingen liegen. Das Foto wurde am 30. April 1945 aufgenommen, kurz nach der Befreiung der überlebenden Inhaftierten.

(Foto: dpa)

Wer sich ein wenig mit dem KZ-System beschäftigt hat, der weiß zum Beispiel, dass hier nicht nur "die" Nazis im Verborgenen folterten und mordeten. Ein Geflecht von Außenlagern und Arbeitskommandos überzog das Land, in dem die meisten, die ihre Augen nicht verschlossen, es wussten oder wissen konnten - egal ob in Dachau, Hannover oder Leipzig. Auch darin, im Mitwissen vieler und im Mitmachen nicht weniger Deutscher liegen die Gründe für die anhaltende Verantwortung der Deutschen.

Allerdings ist es nicht besonders weise, dass die Kanzlerin die Gedenkstätte gewissermaßen am Rande eines Wahlkampf-Auftritts im Bierzelt des Dachauer Volksfests besucht. Die Visite gewinnt dadurch einen Hautgout, der unnötig ist, nicht nur weil Bierzelt und Gedenken nicht zusammenpassen mögen.

Gewiss, eine Kanzlerin hat einen engen Terminkalender. Aber selbst der hätte es erlaubt, dass sie irgendwann seit 2005 bei einem ihrer zahlreichen Besuche in München auch den Weg nach Dachau gefunden hätte.

© SZ vom 20.08.2013/schä/odg/rus

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