bedeckt München
vgwortpixel

Holocaust:Warum Merkels Auschwitz-Besuch so wichtig ist

Bundeskanzlerin Merkel besucht KZ Auschwitz

Mit ihrem Besuch in Auschwitz setzt die Kanzlerin ein Zeichen und liefert sich der Begegnung mit dem Unfassbaren aus.

(Foto: Robert Michael/dpa)

Der Antisemitismus in Deutschland zeigt sich wieder erschreckend offen. Die Kanzlerin setzt mit ihrer Reise ein Zeichen. Doch Worte allein genügen nicht.

Nichts, was in Auschwitz gesagt wird, kann fassen, was dort geschah. Wie kam es, dass Menschen aus einem zivilisierten Land ihre Intelligenz, ihren Sachverstand, ihre Verwaltungserfahrung nutzten, um Millionen Juden zu ermorden? Dass Ärzte empfindungslos Menschenversuche unternahmen und Wächter in aller Seelenruhe Häftlinge erschlugen? Seit vor bald 75 Jahren die Rote Armee dem Morden ein Ende machte, hat es ungezählte Forschungen dazu gegeben, aber keine Erklärung.

Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, wird das nicht ändern, wenn sie an diesem Freitag zum ersten Mal in Auschwitz-Birkenau redet, in ihrem fünfzehnten Amtsjahr. Alles, was eine Vertreterin, ein Vertreter Deutschlands dort sagt oder nicht, ist heikel. Als Helmut Schmidt 1977 als erster deutscher Kanzler in Auschwitz sprach, redete er viel vom polnischen Leid und bestenfalls indirekt vom Judenmord, was genauso auf Kritik stieß wie zwölf Jahre später das Schweigen Helmut Kohls, der im November 1989 trotz des Mauerfalls nach Auschwitz fuhr und wortlos der Toten gedachte.

Antisemitismus Selbstverteidigung
Antisemitismus

Selbstverteidigung

Die 51 Menschen in der Synagoge von Halle verdanken ihr Leben einem starken Stück Holz. Gekauft von einer Spende aus New York. 13 000 Euro. Die Geschichte einer Tür.   Von Georg Mascolo und Ronen Steinke

Angela Merkel dürfte in Auschwitz kaum ein Fauxpas unterlaufen. Oft hat sie schon zur Schoah geredet, fünfmal allein in Yad Vashem, der offiziellen israelischen Gedenkstätte in Jerusalem; zu erfahren ist sie, um sich gegenüber dem polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki eine Blöße zu geben, der schon mal von "jüdischen Tätern" beim Judenmord geredet hat. Trotzdem bleibt die Reise ein Risiko. Die Rituale der Trauer und des Entsetzens können, auch in der Kanzlerinnenrede, hohl werden und banal, Leerformeln und Allgemeinplätze im Bemühen, bloß keinen Fehler zu machen. Selbst ein noch so gut geplanter Besuch riskiert, dass an seinem Ende ein paar Leute mehr sagen, dass es nun mal gut ist mit dem dauernden Gedenken.

Die Reise der Kanzlerin ist ein Risiko - gut, dass Angela Merkel es eingeht

Doch trotz, vielleicht sogar gerade wegen dieses Risikos ist Angela Merkels Auschwitz-Besuch so wichtig und notwendig. Die Kanzlerin setzt damit ein Zeichen, sie liefert sich der Begegnung mit dem Unfassbaren aus. Sie gibt so der Erinnerung an den Judenmord eine Form und einen Raum; sie verschafft den Geschichten der Opfer und der letzten Überlebenden Gehör. Sie verortet die Identität des demokratischen Deutschlands in Auschwitz. Das ist keine abstrakte Formel mehr, seit AfD-Politiker den Nationalsozialismus zur Fußnote der deutschen Geschichte erklären wollen, seit der Antisemitismus sich so erschreckend offen zeigt und die Zahl der Straftaten gegen Juden zunimmt, seit in Halle ein Mann beim Versuch, möglichst viele Juden umzubringen, zwei Menschen tötete.

Das Zeichen der Kanzlerin braucht aber auch konkrete Konsequenzen, damit es nicht zur Hohlform wird. Dass Bund und Länder nun 60 Millionen Euro für die Erhaltung der Gedenkstätten in Auschwitz bewilligt haben, ist eine solche Konsequenz: Wenn man sieht, mit welchem Aufwand Holocaustleugner versuchen, den Massenmord in Auschwitz kleinzurechnen und wegzudeuten, dann begreift man, wie wichtig es ist, den Ort zu erhalten, an dem dies alles geschah. Ein anderes ist, dass die deutschen Innenminister parallel zu Angela Merkels Besuch über schärfere Gesetze gegen Antisemitismus, Hass und Hetze im Netz beraten.

Zeichen, Rituale und Bekenntnisse formen eben auch die Politik. Sie sind der Boden, auf dem das Konkrete wächst.

Auschwitz Die letzte Nummer
19 aus 2019 / SZ-Magazin

Nationalsozialismus

Die letzte Nummer

Ein israelischer Künstler lässt sich in Gedenken an die Opfer des Holocaust die letzte Häftlingsnummer tätowieren, die im KZ Auschwitz gestochen wurde. Er ahnt nicht, wer sie trug.