Süddeutsche Zeitung

Meine Presseschau:Zusammenbruch der Disziplin

Der britische Botschafter in den USA hat in Depeschen geschrieben, was viele auch so wissen: Die US-Regierung unter Donald Trump ist unberechenbar. Gleichwohl kam es zum Eklat. Doch nicht alle britischen Zeitungen verteidigen Ex-Botschafter Kim Darroch.

Dysfunktional und tollpatschig sei die amerikanische Regierung. Präsident Donald Trump sei unsicher und unberechenbar: Diese wenig schmeichelhaften Einschätzungen sandte Kim Darroch, der britische Botschafter in Washington, über die vergangenen Jahre in Geheimdepeschen nach London. Seit vorigem Wochenende sind diese Inhalte aber nicht mehr geheim; die konservative Zeitung Mail on Sunday zitierte aus den Schreiben. Trump feuerte auf Twitter zurück. Er beschimpfte Darroch und Premierministerin Theresa May. Am Mittwoch gab Darroch dann seinen Posten auf.

Die meisten britischen Medien verteidigen Darroch und verlangen harte Strafen für die unbekannte Quelle der Mail on Sunday. Eine Ausnahme ist der Artikel des Kolumnisten und TV-Moderators Piers Morgan im täglich erscheinenden Schwesterblatt Daily Mail. Er schreibt, im Zeitalter von Wikileaks "müsste jeder wissen, der auch nur eine Viertel Gehirnzelle hat, dass die Wahrscheinlichkeit extrem gering ist, dass diese ausgesprochen unverblümten Kommentare nicht durchgestochen werden". Darum fragt Morgan: Warum trug Darroch seine Analysen nicht lieber May persönlich vor, anstatt sie niederzuschreiben?

Kritisch zu Darroch äußert sich ebenfalls der Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, in einem Gastbeitrag in der konservativen Tageszeitung Daily Telegraph. Farage und Trump schätzen sich; der Präsident schlug auf Twitter einmal vor, ihn zum Botschafter in den USA zu ernennen. Nun schreibt Farage, Darrochs "explosive Kommentare basieren nicht auf Fakten". Stattdessen habe der Diplomat nur seine persönliche Meinung verbreitet.

Eine andere Position vertritt William Hague, der frühere konservative Außenminister, in derselben Zeitung. In seiner Kolumne heißt es, Darroch habe mit den schonungslosen Analysen schlicht "seinen Job gemacht". Deren Inhalt sei zudem nicht überraschend für jeden, der Zeitung lese. Würden solche Depeschen so verfasst, dass sie im Falle einer Veröffentlichung niemanden verärgerten, wären sie "vollkommen nutzlos". Und "in jedem Bereich der Regierung sollte die Vorstellung absolut inakzeptabel sein, dass jemand, der die Wahrheit schildert, so wie er sie sieht, um seinen vorzeitigen Abgang gebeten werden soll".

Die Wirtschaftszeitung Financial Times schreibt, schockierend an den durchgestochenen Geheimbotschaften sei nicht der Inhalt, sondern was dieser Vorfall über den Zustand des politischen Systems Großbritanniens aussage. "Ein Zusammenbruch der Disziplin macht Lecks zum Alltag, sogar aus Kabinettssitzungen", heißt es. Der neue Premierminister "muss die Disziplin und nötige Vertraulichkeit" in der Regierung wiederherstellen, fordert das Blatt.

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Quelle:
SZ vom 13.07.2019
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