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Meine Presseschau:Wie bunt die gelben Westen sind

Nadia Pantel ist SZ-Korrespondentin in Paris.

Erst hatte man den Eindruck, die Bewegung der Warnwesten entstehe am rechten Rand der Gesellschaft. Doch so einfach ist es nicht.

Als die "gilets jaunes", die gelben Westen, Mitte November anfingen, in ganz Frankreich Straßensperren zu errichten, zeichnete die Regierung in ihren Reaktionen vor allen Dingen das Bild einer chaotischen Truppe, die ihre Demonstrationen nicht anmeldet und daher viele Verletzte in Kauf nimmt. Wie sehr sich der Blick auf die Proteste gewandelt hat, zeigt die Berichterstattung des konservativen Figaro. Dort kommen ausführlich diejenigen Abgeordneten der Regierungspartei La République en Marche zu Wort, die dafür plädieren, auf Forderungen der gelben Westen einzugehen. Dabei lautete die Ansage von Premierminister Édouard Philippe: Wir bleiben bei der Benzinsteuer, auch wenn die Leute deshalb das Land lahmlegen. Nun zweifeln Abgeordnete der Parlamentsmehrheit offen an, ob dieser harte Kurs ihrer Chefs der richtige Weg ist. Ebenfalls im Figaro: ein Foto der altersbitteren Schauspielerin Brigitte Bardot, die nicht nur sich selbst, sondern sogar ihren Hunden gelbe Warnwesten übergezogen hat. Wobei die Unterstützung durch Bardot einen ähnlichen Effekt hat wie die Anfeuerungsrufe der Politikerin Marine Le Pen: Sie vermitteln den Eindruck, die Bewegung der Warnwesten entstehe am rechten Rand der Gesellschaft.

Doch so einfach ist es nicht. Der gemeinsame Nenner der Bewegung ist ihre Wut auf die Steuerpolitik und auf Präsident Emmanuel Macron. In den Details wird es komplizierter und diverser. Der Parisien lud am Donnerstag zum persönlichen Dialog ein. Die Zeitung setzte aktive Westenträger und den Umweltminister François de Rugy gemeinsam an einen Tisch. Das Treffen am Freitag mit Premierminister Édouard Philippe ließen Vertreter der "gilets jaunes" platzen, mit de Rugy redeten sie offen. Sie fragten den Minister, warum er Benzin besteuere, aber nicht Kerosin. Und sie warfen ihm vor, er wisse nicht, wie es sich anfühle, wenn es "ab dem 15. des Monats eng wird". De Rugy warb im Gegenzug für Verständnis für Macron. Bemerkenswert an dem Gespräch war, dass zwei der sieben Wortführer muslimische Vornamen hatten. Die Bewegung der gelben Westen ist deutlich diverser, als Beobachter am Anfang glaubten. Eine der prominentesten Aktivistinnen ist die schwarze Französin Priscilla Ludosky, die häufig in Talkshows die Motive der Proteste erklärt. Doch die Vielfalt der Demonstrierenden spiegelt sich nicht in den Debatten über die Ereignisse wider.

Die Zeitung Le Monde analysierte, wie in den sozialen Netzwerken über die "gilets jaunes" diskutiert wird. Die ausgewerteten Daten zeigen: Nutzer teilen besonders gerne Artikel, die klar für oder gegen die Proteste sind und die entsprechend wenig differenzieren. Auf Facebook wird von Sympathisanten der Protestbewegung außerdem besonders viel über "die Medien" geschimpft. Gerade der Fernsehsender BFM regt viele auf. Dieser Online-Zorn übersetzt sich in Gewalt: Ein BFM-Team wurde vergangenen Samstag von Demonstranten angegriffen. Gleichzeitig verbreiten Facebooknutzer mit "Gilets-jaunes"-Profilbild eifrig Material des Senders, 60 der 200 meistgeteilten Beiträge sind von BFM.