Süddeutsche Zeitung

Meine Presseschau:Weinende Platanen

Wie türkische Zeitungen die Wahl in Istanbul kommentieren.

Erst eine Woche vor der Wiederholung der Istanbuler Oberbürgermeisterwahl hatte Ekrem Imamoğlu, der Kandidat der Opposition, die Chance, auf allen regierungsnahen Fernsehkanälen - und das ist die übergroße Mehrheit - sich ausführlich vorzustellen. Und das nur, weil sein Gegner Binali Yıldırım in ein TV-Duell eingewilligt hatte. Recep Tayyip Erdoğans Partei war überzeugt, "sie hätten den Sieg garantiert in der Tasche", schreibt die gemäßigt konservative Zeitung Karar. Am vergangenen Sonntag aber kam es dann ganz anders, Imamoğlu siegte mit gut neun Prozentpunkten Vorsprung haushoch. Seitdem rätseln Kolumnisten der palastnahen Presse, was mit den "Poolmedien" (wie die regierungsnahe Presse oft genannt wird) passiert ist. Vereinzelt ist Selbstkritik zu hören und es wird die Gleichförmigkeit und Glaubwürdigkeit der Medien thematisiert.

In der nationalistischen Türkiye kritisierte der Kolumnist Cem Küçük, nach dem Verkauf der auflagenstarken Zeitung Hürriyet und des Senders CNN Türk an ein regierungsnahes Konglomerat seien diese Medien seit März großteils journalistisch "amateurhaft" geworden. Damit hätten sie Imamoğlu "Butter aufs Brot geschmiert". Sabah, gewöhnlich sehr palastaffin, sucht die Fehler in Ankara: "Die eigentlichen Verlierer sind diejenigen, die das Ergebnis der Kommunalwahlen vom 31. März nicht akzeptieren wollten und eine Wahlwiederholung verlangten." Damals hatte auch schon Imamoğlu gewonnen, aber mit viel geringerem Vorsprung.

"Es ist einfach, statt Selbstkritik zu üben, die Wähler zu kritisieren, nach dem Motto: Die Wähler sind undankbar." So schreibt der bekannte Kolumnist Fatih Altaylı auf der regierungsnahen Nachrichtenseite Habertürk. Die AKP, so Altaylı, habe stets ihre Verdienste aufgezählt. Autobahnen, Brücken und nochmals Brücken, Flughäfen. "Aber Du kannst bauen und bauen und machst die Leute glücklich, aber wenn Du das nicht mehr kannst, dann gehst Du." Das "Undankbarkeit" zu nennen, bedeute, "dass man die Demokratie nicht versteht".

Oppositionsblätter sind seit Sonntag in einer Art Dauerrausch. Cumhuriyet kommentiert, "das Alte kollidierte mit dem Neuen und mit der Zukunft". Die ebenso regierungskritische Birgün lobt die Oppositionspartei CHP für eine "übermenschliche Leistung". Vergessen werden dürfe aber auch nicht, dass die prokurdische Partei HDP wichtigen Anteil am Erfolg habe. Sie hatte Imamoğlu ebenfalls unterstützt. Und Sözcü bedankt sich "von ganzem Herzen" beim neuen Oberbürgermeister, "weil Du für unsere Jugend zu einer Hoffnung wurdest", denn die sei so pessimistisch gewesen. Nun aber würden sogar "die alten Platanen" Freudentränen vergießen.

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SZ vom 29.06.2019
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