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Meine Presseschau:Vom Paradies in der Krise

Städte unter Quarantäne, geschlossene Schulen und Universitäten: Der Kampf gegen das Coronavirus treibt die zuletzt vor allem besorgte italienische Presse zu halb satirischen, halb philosophischen Kapriolen.

Von Oliver Meiler

Oliver Meiler ist Korrespondent der SZ in Italien.

Drastische Maßnahmen in ungewissen Zeiten: Im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus hat sich Italien für eine Schließung aller Schulen und Universitäten entschieden. Das hat es in der Geschichte der Republik noch nicht gegeben. Achteinhalb Millionen Kinder und Jugendliche kommen so zu einem unverhofften Urlaub. Klar, es gibt Lektionen im Netz, manche Lehrer haben Hausaufgaben erteilt. Insgesamt aber gilt: schulfrei.

Die plötzliche Auszeit wird bei allen Mühen, die sie verursacht, und bei allen Zweifeln, ob sie etwas bringt, im Volk breit akzeptiert. Und sie treibt die zuletzt vor allem trübe und besorgte italienische Presse zu halb satirischen, halb philosophischen Kapriolen. In La Repubblica schreibt Michele Serra, Langeweile bekomme Kindern und Eltern auch mal gut. "Die Epidemie ist eine Eklipse, sie schaltet den frenetischen Alltag aus. Horror vor der Leere? Das wahre Faszinosum ist doch das Unbekannte." Die Leere sei das Beste am schwierigen Intermezzo: "verführerisch, einmalig". Serras tägliche Rubrik heißt "Die Hängematte".

Die Tageszeitung Il Fatto Quotidiano thematisiert einen bisher wenig beachteten Aspekt der Zweiklassengesellschaft: Die Schließung der Schulen sei nur für Kinder aus wohlhabenden und kulturell bevorteilten Familien lustig, denn die hätten an langen Tagen daheim Zugriff auf gute Unterhaltung, auf kostenpflichtige Streamingdienste etwa und elaborierte Videospiele. "Kinder aus weniger bemittelten Verhältnissen können sich die gar nicht erst leisten." Vom erschwinglichen Bücherlesen ist nicht die Rede.

Unter dem Titel "Emergenza Bambino", Notfall Kind, schreibt Massimo Gramellini auf der ersten Seite des Corriere della Sera scherzhaft über die Krämpfe, die eine fortwährende, außerprogrammliche Gemeinschaft mit den Kindern daheim mit sich bringen. "Es gibt einfach zu wenig Großeltern." In vielen Haushalten arbeiten beide Elternteile, meistens notgedrungen, damit es reicht. In den Randzeiten zwischen Schulschluss der Kinder und Feierabend der Eltern kümmern sich die "Nonni" um die Enkel. Nun wären sie ständig gefordert, ganztags.

Die Regierung hat deshalb Voucher für Babysitter und Elternurlaube in Aussicht gestellt, bezahlt vom Staat. Beide Maßnahmen gehören in ein Paket, in dem auch Subventionen für die Wirtschaft und den Tourismus drin sind, für 7,4 Milliarden Euro. Apropos Tourismus: Der polemisierfreudige Kunsthistoriker Tomaso Montanari schreibt im Fatto Quotidiano, die Verlangsamung des Lebens habe auch ihr Gutes: "Sie bremst die Touristifizierung von Städten wie Venedig und Florenz." Halb leer seien sie endlich wieder schön und einladend - "Paradiese des Anstands in der wirtschaftlichen Tragödie".

© SZ vom 07.03.2020

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