bedeckt München 26°

Meine Presseschau:Respekt für die Algerier

Französische Medien kommentieren die Vorgänge auf der anderen Seite des Mittelmeers mit staunender Zurückhaltung. Blätter aus Algier werden da deutlicher.

Verwunderung, Freude, Skepsis und Bange um die weitere Entwicklung können sehr unterschiedlich gemischt werden. Ein Hauch von Stolz über das politische Engagement des algerischen Volks war in diesen Tagen aber aus praktisch allen Kommentaren der Medien zu hören. Innerhalb von sechs Wochen mit Hunderttausenden Demonstranten ohne Gewalt einen Staatschef zum Rücktritt und ein seit 20 Jahren festgefahrenes Regime ins Wanken zu bringen, verdient Anerkennung. Ist das Land nun aber einfach mit einem von der Armee ausgeheckten Routenplan gemäß Verfassungsparagrafen wieder ins Gehege der "konstitutionellen Legalität" zu treiben, fragt die algerische Tageszeitung El Watan. Ihre Antwort: "Nein, das ganze institutionelle, konstitutionelle und personelle Gefüge, mit dem das Land in die Krise getrieben wurde, muss sich ändern." Dass Algerien nach langer Stagnation jäh wieder in Bewegung gekommen ist, kann auch die dem ehemaligen Staatspräsidenten und der Armee nahestehende Zeitung L'Expression nicht leugnen, die im Unterschied zu den meisten anderen algerischen Blättern nach der Rücktrittserklärung nicht das Bild vom geknickten Greis mit dem glasig abwesenden Blick auf die Titelseite gesetzt hat, sondern das von einem lächelnden Bouteflika aus früheren Jahren. Ja, die Straße sei in Algerien der Motor der Politik geworden, gibt die Zeitung zu, betont aber sogleich, die Armee habe es "auf sich genommen, tatkräftig eine in ihrem Elan und ihrer Vorbildlichkeit bewundernswürdige Revolution zu begleiten". Begleiten? Das sah eher nach Hinterherlaufen, Eindämmen, sperrigem Nachgeben aus. Zurückhaltend zeigt man sich in Frankreich. Weder Einmischung noch Teilnahmslosigkeit lautet dort die Maxime. Algerien sei für Frankreich immer noch ein schwieriges Terrain, schreibt der Kolumnist Guillaume Tabard in der Pariser Zeitung Le Figaro. Sämtliche Präsidenten der Fünften Republik, von de Gaulle bis Macron, seien gleich in ihrem ersten Amtsjahr nach Algerien gereist - "kein anderes Land außer Deutschland ist in den Genuss einer solchen Aufmerksamkeit gekommen". Eine demnächst hoffentlich neue Politikergeneration in Algier, spekuliert der Figaro, täte auch den Beziehungen der beiden Länder gut.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir Algerien fälschlicherweise als französische Kolonie bezeichnet. Richtig ist, dass Algerien zwar quasi unter französischer "Kolonialherrschaft" stand, jedoch staatsrechtlich als Teil des Mutterlandes betrachtet wurde.