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Meine Presseschau:Militärnippes und Staatsgedenken

Frankreich feiert die Landung der Alliierten vor 75 Jahren in der Normandie. Nicht alle im Land finden die Zeremonien noch zeitgemäß.

Vergleicht man es mit den über Monate andauernden Erinnerungsfeiern, mit denen in Frankreich im vergangenen November des Endes des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren gedacht wurde, waren die Zeremonien in dieser Woche am Ärmelkanal sehr bescheiden. Zum 75. Mal jährte sich die Landung der Alliierten an den Stränden der Normandie, und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron teilte diese Feierstunde mit seinem amerikanischen Kollegen Donald Trump. Es war ein hochoffizielles Beschwören der französisch-amerikanischen Freundschaft.

Wer wissen wollte, wie lebendig diese Freundschaft und auch die Dankbarkeit der Franzosen für die amerikanischen Truppen tatsächlich noch sind, konnte dies in der Regionalzeitung Ouest-France nachlesen. Seitenweise gab es dort Reportagen über Begegnungen zwischen Veteranen und Schulkindern. Besonders stach dabei die Geschichte von Ellan Levitsky heraus. Die 99-Jährige war aus den USA angereist, um als Ehrenbürgerin der kleinen Stadt Bolleville gefeiert zu werden. Als Krankenschwester versorgte Levitsky 1944 Hunderte verwundete Soldaten in einem Lazarett gleich hinter den Schlachtfeldern.

Die Wochenzeitung L'Obs nahm sich dem Jahrestag des D-Days deutlich weltpolitischer an und stellte die Frage, warum Russlands Präsident Wladimir Putin nicht eingeladen gewesen sei. 1945 hätte die Mehrheit der Franzosen noch geglaubt, dass es hauptsächlich der russischen Armee zu verdanken sei, dass Nazi-deutschland besiegt worden war, heute würden die meisten hingegen sagen, dies sei ein Verdienst der Amerikaner. L'Obs zitiert den Élysée mit den Worten, dass Russlands Präsident "nur zu Jahrestagen mit einer Vier, so wie 2014", eingeladen werde, die Zeitung nannte diese Erklärung "konfus". Putin zitierte L'Obs hingegen mit den Worten, dass er "genug andere Dinge zu tun" hätte und die ausgebliebene Einladung "überhaupt kein Problem sei". Er sei schließlich "kein Operettengeneral", den man ständig einladen müsse.

Bei Le Monde kommt der Geschichtsprofessor Bertrand Legendre mit einer grundsätzlichen Kritik der Gedenkfeierlichkeiten zu Wort, die er "Erinnerungsbusiness" nennt. Man müsse sich fragen, so der Autor, ob diese Zeremonien nicht ihren Sinn verfehlten, wenn gleichzeitig 21 Prozent der 18- bis 24-Jährigen angeben, sie hätten noch nie von der Schoa gehört. Und wenn 60 Millionen Tote während des Zweiten Weltkrieges das Wiedererstarken der Rechtsextremen in Europa nicht verhindern könnten. "Was, wenn diese Inszenierung der Erinnerung schadet?", fragt Legendre.

Er stört sich vor allen Dingen an den großen Militärparaden, aber auch am Volksfestcharakter vieler Gedenkveranstaltungen. Er findet: "Kommerz und Tourismus gewinnen den Kampf." Zwischen Militärnippes und Staatsempfängen gehe eine echte Auseinandersetzung mit den Leiden der Vorfahren verloren.