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Meine Presseschau:Krokodilstränen über Moria

Die griechischen Medien haben wenig Verständnis für europäische Empörung und fordern praktische Solidarität.

Von Tobias Zick

Der Qualm über dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria war kaum verflogen, da spottete Kathimerini über die "symbolischen Gesten einiger europäischer Länder, die nun anbieten, ein paar Dutzend vulnerable Flüchtlinge aus Moria aufzunehmen". So etwas wäre vielleicht angebracht, schreibt das liberal-konservative Blatt, wenn Griechenland nicht seit fünf Jahren "gezwungen wäre", die Last der Migrationskrise an der Außengrenze der EU zu schultern. Das Land brauche von Europa "weniger Schulmeisterei aus der Ferne und mehr praktische Solidarität".

Die linke Efimerida Ton Syntakton wirft den anderen europäischen Regierungen vor, "Krokodilstränen für die heimatlosen Menschen von Moria" zu vergießen: "Als ob sie nicht diejenigen wären, die mit ihrem Geld oder mit ihrem Einverständnis seit nunmehr fünf Jahren das größte Flüchtlings-Konzentrationslager aufrechterhalten haben." Die EU habe den Mittelmeerländern Geld dafür gezahlt, dass sie "die schmutzige Arbeit illegaler Pushbacks übernehmen und gestrandete Menschen auf ihrem Territorium festhalten".

Auch die traditionell den Sozialdemokraten nahestehende, heute eher im konservativen Spektrum verortete To Vima wirft den Europäern "Scheinheiligkeit" in der Migrationspolitik vor. Zwar habe Griechenland selbst in Moria viel falsch gemacht - bekomme aber auch zu wenig Unterstützung im Konflikt mit dem türkischen Präsidenten, der "Flüchtlingsströme lenkt": Erdoğan sei nach wie vor in der Lage, Europa zu "erpressen", und Griechenland sei das Land, das dabei "den Druck abbekommt". Berlin müsse sich entschlossener positionieren, etwa für Sanktionen gegen die Türkei.

Das Schwesterblatt Ta Nea immerhin sieht einen Hoffnungsschimmer in der jüngsten Rede von Ursula von der Leyen zur Lage der EU: Die Kommissionschefin habe gesagt, dass die Dublin-Verordnung ersetzt werden müsse durch ein neues europäisches Einwanderungs-Management-System. Zudem habe sie "betont, dass Zypern und Griechenland auf die absolute Solidarität Europas zählen können müssen." Das zeigt, laut Ta Nea, dass ein "dynamischeres Europa" vielleicht doch möglich sei: "Ein Ziel, für das es sich lohnt zu kämpfen."

© SZ vom 19.09.2020

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