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Meine Presseschau:Hin und weg von Mr. Bloomberg

Hubert Wetzel

Hubert Wetzel ist USA-Korrespondent der SZ.

Vor Kurzem noch waren viele US-Kolumnisten begeistert von Präsidentschaftsbewerber Michael Bloomberg. Dann kam dessen erster Debattenauftritt - und mit ihm die ernüchternde Erkenntnis, dass Geld nicht alles ist.

Vor einer Woche war Amerikas Kolumnistengemeinde noch ganz hingerissen von Michael Bloomberg. Zumindest galt das für ein bestimmtes Segment dieser sehr besonderen Subspezies des US-Journalismus. Treffender formuliert: Vor einer Woche waren jene politischen Kolumnisten in Amerika, die nicht allzu links und nicht allzu rechts sind, die für ein sehr ordentliches Gehalt bei großen Zeitungen arbeiten und in New York leben, noch ganz hingerissen von Michael Bloomberg. Was für ein Kandidat!, schwärmten diese Kommentatoren. So vernünftig, so wenig radikal, so reich! Die Demokraten wären ja bescheuert, wenn sie den nicht zu ihrem Präsidentschaftskandidaten machten, sondern den zauseligen Kommunisten Bernie Sanders! Bei der New York Times reichte der Fanklub von Thomas Friedman (Demokrat) bis Bret Stephens (Republikaner). Selbst Peggy Noonan war hin und weg, die überaus kluge Kolumnistin des Wall Street Journal, die es eigentlich besser wissen müsste, die aber nach eigenem Bekunden eine gute, sogar "bewundernde" Freundin des milliardenschweren früheren New Yorker Bürgermeisters ist. "Nehmt Mr. Bloomberg ernst", warb sie. "Er kann es schaffen."

Dann stellte der talentierte Mr. Bloomberg sich für zwei Stunden auf eine Debattenbühne. Und seither - nun ja. "Es heißt, der Abend sei für Mike Bloomberg nicht gut gelaufen", schrieb Noonan am Freitag. "Das stimmt nicht. Er war eine Katastrophe. Die einzige Frage ist, ob er sich davon erholen kann."

Das ist in der Tat eine Frage, wenn auch längst nicht die einzige. Eine andere Frage wäre zum Beispiel, ob Kolumnistinnen, die durch ein bewunderndes Freundschaftsverhältnis mit einem Kandidaten verbunden sind, über diesen Kandidaten bewundernde Kolumnen schreiben sollten. Thomas Friedman hängte an seine Wahlempfehlung für Bloomberg den Zusatz an, dass dieser Geld für ein Museum gespendet habe, das seine Frau aufbaue. Das ist schön für Frau Friedman, aber sollte Herrn Friedman dann tatsächlich über den großzügigen Spender schreiben?

Friedmans Kollegin Gail Collins fasste Bloombergs verbockten Auftritt in ihrer Kolumne so zusammen: "Nun, man kann mit Geld nicht alles kaufen." Das stimmt. Aber ein Blick in die New Yorker Blätter zeigt: offenbar doch eine ganze Menge. Besonders schwer haben es die Journalisten, die für Bloombergs Medienkonzern arbeiten. Sie müssen über den Mann schreiben, der ihre Gehälter bezahlt. Entsprechend milde fiel das Urteil im Newsletter von Bloomberg Opinion über den Auftritt des Arbeitgebers aus. Bloomberg habe halt lange nicht mehr an so einer Kandidatendebatte teilgenommen, hieß es da entschuldigend, "und das war ihm anzumerken". Alles halb so schlimm. Ja, mit Geld kann man sich viel kaufen.

© SZ vom 22.02.2020
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