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Meine Presseschau:Heuchelei ohne Grenzen

Sebastian Schoepp ist Redakteur im Ressort Außenpolitik.

Angesichts der Brände im Amazonas-Regenwald diskutiert man in Brasilien erstmals über ökologische Probleme. Aber Belehrungen aus Europa will niemand hören.

Die Feuer im Amazonasgebiet haben in Brasilien bewirkt, dass erstmals auf breiter öffentlicher Basis über Ökologie diskutiert wird. Bisher rangierte das Thema in den Medien weit hinten. Die größte Zeitung Folha de São Paulo stellt in ihren Meinungsspalten die Frage, ob Brasilien eigentlich irgendwie suizidal veranlagt sei. So viel Selbstreflexion ist durchaus neu für ein konservatives, wirtschaftsorientiertes Blatt und hat mit dem rüden Umgang des Präsidenten Jair Bolsonaro mit der Pressefreiheit zu tun.

Bolsonaro hatte mehrmals gedroht, er werde Folha fertigmachen. Entsprechend harsch ist die Kritik am Präsidenten und seinem trotzigen Umgang mit der Krise, der vor allem eines erkennen lässt: wie überfordert Brasilien ist. Kritik von außen lässt man sich vielleicht gerade deswegen nicht gerne gefallen. Und so widmet auch Folha der Tatsache eine Schlagzeile, dass ausländische Prominente veraltete Bilder verwenden, wenn sie über die Brände twittern, Frankreichs Präsident Emmanel Macron sogar mit der Bemerkung: "Unser Haus brennt."

Brasilien ist ein isolationistischer Gigant, ein Schwellenland mit großem, aber oft chaotischem Entwicklungsehrgeiz. Jede Regierung der vergangenen Jahrzehnte hat wirtschaftliche über ökologische Interessen gestellt, auch die Linke; allerdings hat die Ausbeutung unter Bolsonaro stark zugenommen.

Auf die brasilianische Empfindlichkeit gegenüber als postkolonial empfundener Einmischung wie jener von Macron weist Glenn Greenwald hin, der in Rio de Janeiro lebende britische Reporter, dessen Webseite The Intercept 2013 maßgeblich an den Enthüllungen Edward Snowdens beteiligt war. Greenwald ist als scharfer Kritiker Bolsonaros bekannt, trotzdem schreibt er nun, er halte den Ärger vieler Brasilianer über die USA und Westeuropa für berechtigt. Diese hätten sich industriell entwickelt und dabei den Planeten zerstört und forderten nun, "dass Brasilien sie retten soll, indem es seine eigenen Ressourcen nicht ausbeutet".

Dieser Tenor ist in Brasiliens Presse verbreitet. Brasilien müsse als Sündenbock herhalten für die weltweite Entwaldung, "so als ob die Probleme der ganzen Welt in der fehlenden Kontrolle über die Abholzung in unserem Land begründet lägen", schreibt der Kolumnist und Philosoph Denis Lerrer Rosenfield auf der Webseite von Estadão. Da kenne die Heuchelei keine Grenzen. Möglicherweise, so vermutet der Kolumnist, steckten ja ganz andere ausländische Interessen dahinter, etwa das Ziel, Brasiliens Wettbewerbsfähigkeit im Agrarsektor zu schaden. Solchen Empfindlichkeiten wird man Rechnung tragen müssen, wenn es nun darum geht, auf internationaler Ebene tragfähige Lösungen zu finden, um Katastrophen dieser Art künftig zu verhindern.