Meine Presseschau:Helden und Mörder

Muench

Ein Hungerstreik palästinensischer Gefangener beschäftigt Israel. Die Presse stellt unbequeme Fragen.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Des einen Terrorist ist des anderen Freiheitskämpfer - diese Dichotomie begleitet seit jeher fast alle gewalttätigen Konflikte, besonders im Nahen Osten. In Jerusalem und Ramallah ist die einschlägige Diskussion wieder voll entbrannt durch einen Hungerstreik von mehr als 1000 palästinensischen Gefangenen, der in dieser Woche begonnen hat. Als "Helden" werden die von Marwan Barghuti angeführten Häftlinge auf der arabischen Seite gefeiert und auf der Straße ebenso wie in den Medien mit Durchhalteparolen unterstützt. Israels Regierung dagegen lehnt jeden Dialog mit "Mördern" ab - und in Presse, Funk und Fernsehen wird heftig über die angemessene Reaktion auf den Hungerstreik debattiert.

Einen Nerv traf im Armeeradio die Journalistin Ravit Hecht, die im Interview mit Tourismusminister Yariv Levin den Palästinenser Barghuti mit den Kämpfern der zionistischen Untergrundmilizen Irgun und Lehi verglich, die in der Zeit vor Israels Staatsgründung blutige Anschläge gegen die britische Mandatsmacht und gegen Araber verübt hatten. Der Likud-Minister warf ihr wütend "komplette Ignoranz und eine Verzerrung der Geschichte" vor. Für ihn sind die Kämpfer "wahre Helden", die gegen eine "wirkliche Besatzungsarmee gekämpft haben und nicht gegen die israelische Armee, die uns alle in unserem Land beschützt".

Die längst nach rechts gerückte Jerusalem Post wies mehrmals energisch darauf hin, dass Barghuti, der den Hungerstreik als Akt des gewaltlosen Widerstands propagiert, "ganz bestimmt kein Nelson Mandela" ist, sondern schlicht "ein Terrorist". An einer vermittelnden Position versuchte sich dagegen Ben Caspit in Maariv, der "die Wahrheit wie gewöhnlich in der Mitte" sieht. Er erinnert unter anderem an den von den Briten als Terrorist verfolgten Irgun-Kämpfer Jitzhak Schamir, der später zum Premierminister aufstieg. "Sehr viele unserer Großen waren im Lauf der Geschichte an Taten beteiligt, die nicht immer den Regeln der Genfer Konvention folgten", erklärt er. "Wir wollen uns nicht mit den pathologischen palästinensischen Mördern vergleichen und nicht mit der Barbarei, die es so vielen unserer Cousins erlaubt, sich selbst zum Beispiel in der Mitte einer Gruppe von Jugendlichen vor einem Tel Aviver Club in die Luft zu sprengen. Auch quantitativ gibt es keinen Raum für Vergleiche. Für sie ist das Mörderische ein Lebensstil, für uns eine außergewöhnliche Ausnahme. Und dennoch: Man kommt unmöglich an der einfachen Wahrheit vorbei, dass auch wir solche Taten begangen haben."

Den Hungerstreik als Anlass zum Umdenken wünscht sich die Haaretz-Autorin Amira Hass, die seit einem Vierteljahrhundert zugleich mit Leidenschaft und Frustration über den ewigen Konflikt berichtet. Sie führt die breite Unterstützung der palästinensischen Gesellschaft für die Gefangenen darauf zurück, dass "Israel neben den regulären Haftanstalten die Palästinenser auf alle möglichen anderen Arten zu Gefangenen macht". Als Beispiele nennt sie "bürokratische Regeln, Diskriminierungen und Siedlergewalt", wodurch die Freiheit eines jeden Palästinensers eingeschränkt werde.

Ein Umdenken - allerdings in eine komplett andere Richtung - fordert auch Nadav Haetzni in Maariv. Er warnt die Regierung eindringlich vor einer "Kapitulation" vor den Gefangenen wie in früheren Fällen und zeigt reichlich Sympathien für die Behandlung von Terroristen durch die Amerikaner in Guantanamo. "Der Hungerstreik", so schreibt er, "ist eine exzellente Gelegenheit, mit der Großzügigkeit Schluss zu machen, die wir jenen gewähren, die uns abschlachten wollen."

© SZ vom 22.04.2017
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