bedeckt München 21°

Meine Presseschau:Blick auf die Berlinale

Kritiker sehen Anzeichen der Krise - des Mannes und des Kinos.

Wenn an diesem Wochenende die 69. Berlinale zu Ende geht, wird es die letzte mit Festivaldirektor Dieter Kosslick gewesen sein. Der wollte offenbar zum Abschied noch mal ein Zeichen für Gleichberechtigung setzen: Sieben von 17 Filmen im diesjährigen Wettbewerb stammten von Frauen, im männerdominierten Festivalbetrieb schon fast revolutionär. Als "feminin, feministisch und französisch" feiert der Figaro diese Berlinale denn auch. Kosslicks Coup liege in der Kombination von Quote (40 Prozent weibliche Werke im Wettbewerb) und Jurypräsidentin Juliette Binoche. Zwar sei das Festival weniger glamourös als Cannes oder Venedig, es mangele der Berlinale aber nicht an Engagiertheit, konstatiert der Berlin-Korrespondent des Blattes, Nicolas Barotte.

Weniger euphorisch resümierte der Kritiker der Neuen Zürcher Zeitung das, was er auf der Berlinale gesehen hat - vor allem mit Blick auf das Männerbild, das viele Filme transportierten. "Der Mann war nie fieser, grausamer, depravierter, enthemmter und kaputter als heute", schrieb Daniel Haas in Bezug auf Fatih Akins "Der goldene Handschuh" und Casey Afflecks "Light of my Life". In beiden Filmen kippe das Szenario in ein gespenstisches Theater der Männlichkeit: "Der Mann ist nur noch von seinem Extremen her zu denken, als Figur der Enthemmung." Das sei die bittere Pointe "dieses neuen Männer-Therapiekinos: dass es ästhetisch genau jenen Übergriff darstellt, den es in moralischer Hinsicht verurteilt".

Der britischen Times zufolge offenbarte die 69. Berlinale eine ganz andere Krise: eine eher branchen- denn geschlechterspezifische. Die Zeitung liest an dem diesjährigen Programm ab, wie das Fernsehen dem Kino den Rang abläuft. "Eine der besten, kraftvollsten Erzählungen dieses Festivals kommt, vielleicht vorhersehbar in Zeiten von Netflix und 'Roma', aus dem Fernsehen." Es geht um die Amazon-Serienadaption von Joe Wrights Drama "Hanna", die Kritiker Kevin Mahler tief beeindruckt hat und anhand deren er die Migration vom Filmemachen zum Fernsehenmachen beobachtet. Den Grund dafür sieht die Times im Wirtschaftlichen: weil es beim Fernsehen die Ressourcen und die Unterstützung gebe. Man müsse den Film erst wirtschaftlich sanieren, ehe man die Filmkunst unterstützen könne, zitiert die Zeitung die Regisseurin Sarah Adina Smith. Und die setzt damit auch ein Zeichen.