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Mein Leben in Deutschland:Vom schmalen Grat der Meinungsfreiheit

Das Cover von "Charlie Hebdo" nach dem Anschlag auf die Redaktion, bei dem elf Menschen getötet wurden.

(Foto: AFP)

Unser syrischer Gastautor kommt aus einem Land, in dem es keine Meinungsfreiheit gibt. Er selbst saß wegen seiner Texte zwei Jahre im Gefängnis. Trotzdem geht ihm etwa das Satiremagazin "Charlie Hebdo" oft zu weit.

Von Yahya Alaous

Vor ein paar Wochen sah ich das Titelbild des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo, auf dem eine Karikatur von Tarik Ramadan prangte, seines Zeichens Professor für Islamkunde an der Universität Oxford. Aktuell ist er in den Schlagzeilen, da mehrere Frauen ihn im Rahmen des #metoo-Aufschreis der sexuellen Belästigung bezichtigen und er daraufhin seine Arbeit niederlegen musste. Die Zeichnung zeigt ihn mit einem großen Penis und dem Kommentar: "Die sechste Säule des Islam."

Das nimmt Bezug auf die fünf "Säulen des Islam": die beiden Glaubensbekenntnisse zu Allah und Mohammad, dem Gebet, dem Zakat (Spende für die Armen), dem Fasten im Ramadan und der Durchführung der Haj, der Pilgerfahrt, die obligatorisch ist für diejenigen Muslime, die es sich leisten können.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Die Karikatur erweckte Erinnerungen an andere provokative Bilder des Magazins, die viel Aufregung erzeugten - natürlich besonders die, die den Islam in ein sehr schlechtes Licht gerückt hatten. Das Cover brachte aber auch Erinnerungen an den brutalen Angriff auf das Magazin im Januar 2015 zurück, an den Tag, als mehrere Redakteure und Cartoonisten in ihren Büroräumen von Islamisten erschossen und schwer verwundet wurden.

Damals lebte ich noch in Syrien und hatte nie zuvor etwas von diesem Spartenmagazin aus Frankreich gehört, aber natürlich verurteilte ich diesen Angriff vor dem Hintergrund, dass ich Gewalt ablehne und an die Meinungsfreiheit glaube. Wie viele andere sagte ich damals auch: "Ich bin Charlie."

In den darauffolgenden Monaten distanzierte ich mich aber von den provokativen Cartoons, die ich einfach nur geschmacklos fand. Es gab die Karikatur, die den am türkischen Strand liegenden kleinen toten Jungen Ilan als späteren sexuellen Belästiger in Köln zeigte und die widerwärtige Zeichnung, in der die Toten des Erdbebens in Italien verspottet wurden. Schichten von Toten wurden unter Schutt und Geröll gezeichnet, darüber prangte in dicken Lettern das Wort "Lasagne".

Lange Zeit habe ich dazu nichts gesagt. Da ich aufgrund fehlender Meinungsfreiheit in meinem Land selbst zwei Jahre lang im syrischen Gefängnis verbringen musste, habe ich stets alle Kollegen in der Ausübung dieses Rechtes unterstützt. Trotzdem war ich schon oft verärgert über die Darstellungen dieses Magazins. Nicht nur, weil sie ständig alle Muslime über einen Kamm scheren und sich über sie lustig machen. Nein, vor allem, weil sie die Gefühle von Menschen im Allgemeinen auf geschmackloseste Art und Weise verletzen und sich keine Gedanken über die Würde der zu Karikaturen verzerrten Toten sowie über die Gefühle der Angehörigen zu machen scheinen.

Bedeutet Meinungsfreiheit etwa, sich über Betroffene einer Naturkatastrophe lustig zu machen und die Gefühle der schwer Verletzten und der trauernden Familien durch platte und anmaßende Karikaturen zu beleidigen?

Ich finde das nicht. Für mich als Journalisten aus dem Orient, aus einem repressiven autoritären Staat kommend, bedeutet Meinungsfreiheit: Menschenrechte und Menschenwürde zu verteidigen, in dem man den Spuren der Tyranei auf die Schliche kommt oder Korruption enttarnt. Das macht Charlie Hebdo in meinen Augen nicht. Trotzdem würde ich gerne mal bei einer Redaktionssitzung dabei sein, um zu erfahren, wie über die von den Redakteuren vorgeschlagenen Themen mit den Karikaturisten gesprochen wird. Da ich wahrscheinlich nie die Chance haben werde, so einer Sitzung beizuwohnen, stelle ich sie mir einfach vor.

Es wird gefragt: "Glaubt ihr, die Idee ist verrückt genug, oder sollte sie noch provokativer sein?" Es wird geantwortet: "Dafür werden sie uns verfluchen und bedrohen, ja, das ist doch genau das, was wir wollen!"

Obwohl viele in Syrien Charlie Hebdo kritisiert und verurteilt haben, habe ich mich diesen Stimmen nicht angeschlossen. Denn die Meinungsfreiheit ist wichtiger als jede Religion und jede Ideologie - was ich bis heute vertrete. Doch jetzt, wo ich in einem Land lebe, in dem das Recht zur freien Meinungsäußerung geschützt ist, muss ich sagen, dass ich nicht Charlie bin. Trotzdem werde ich auch nie Charlies Mörder sein.

Übersetzung: Jasna Zajcek

© SZ.de/lalse/liv

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