Süddeutsche Zeitung

Kolumne "Mein Leben in Deutschland":Integration im Wartezimmer

Unter arabischen Migranten kommt es immer wieder vor, dass Frauen nicht zu männlichen Ärzten dürfen, berichtet unser syrischer Gastautor. Dabei kann das lebensgefährlich werden.

Kolumne von Yahya Alaous

"Wir suchen nach einer Ärztin, die Arabisch spricht", "Wir suchen nach einem weiblichen Doktor, der Farsi spricht...", diese Wünsche habe ich schon oft gehört oder auf Social Media-Seiten von deutschen Flüchtlingshelfern gelesen.

Eine arabische oder iranische Familie spricht in diesen Fällen wohl kein Deutsch und hat als Familienvorstand einen Mann, der nicht wünscht, dass seine Frau von einem männlichen Arzt behandelt wird. Wenn die Patientin in Berlin oder Hamburg lebt, ist eine Frau Doktor meist innerhalb weniger Tage gefunden. Was aber, wenn es in ländlicher Gegend nur genau den einen Herrn Doktor gibt?

Nicht selten muss die Kranke dann zu Hause bleiben, auch wenn sie leidet. Nur, wenn die Krankheit lebensbedrohlich zu verlaufen scheint, wird der Mann aktiv und bringt seine Frau in ein Krankenhaus. Dort lässt die Not ihn keine Wünsche nach dem Geschlecht des Behandelnden mehr stellen.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Ich erinnere mich an eine solche Situation, die mir eine deutsche Freundin kurz nach meiner Ankunft hier schilderte. Sie hatte einer Familie geholfen, Syrien zu verlassen und hier anzukommen, kam aber mit den Ansprüchen des Ehemannes nicht zurecht und bat um meine Hilfe.

Der Mann wollte seiner schwangeren Frau keine medizinische Hilfe zukommen lassen - außer wenn er die "Garantie" bekäme, dass sich ausschließlich Ärztinnen um sie kümmern würden.

Die Familie lebte aber in einer kleinen Stadt, in der es einfach keine Arabisch sprechenden Ärztinnen gab. Ich sollte den Mann nun zur Vernunft bringen. Dafür hatte ich mir islamischen Rat und einige passende Aussprüche des Propheten zusammengesammelt, die belegten, dass das Leben seiner Frau wichtiger sei als alles andere. In einem gerade mal zehnminütigen Telefonat konnte ich ihn überzeugen, sie ins Krankenhaus zu bringen. Danach war ich zufrieden - nicht, weil ich so tolle Überredungskünste besaß, sondern weil der Zustand seiner Frau immer schlechter wurde und es einfach keine andere Wahl gegeben hätte.

Dass Frauen aus konservativen Familien daran gehindert werden, zu männlichen Ärzten zu gehen, ist unter Syrern nichts Neues. Es hat nicht unbedingt mit Verschleierung oder Religiosität zu tun, sondern mit den gestrigen Bräuchen mancher Familien. Vor zwei Jahrzehnten gab es noch fast keine Frauenärzte in Syrien. Ich kenne einen Gynäkologen, der das Fach in den 1990er Jahren in Syrien studierte und sich später zum Orthopäden fortbildete. Einfach deshalb, weil seine Praxis für Frauen meistens leer war. Innerhalb der letzten Jahre vor dem Krieg aber wurde es immer mehr akzeptiert, zu einem männlichen Arzt zu gehen - allerdings nicht für Frauen aus konservativen Familien.

Natürlich ist es immer wieder schlimm, mitzubekommen, wenn Männer die Leben ihrer Frau und das des Ungeborenen aufs Spiel setzen. Vor allem, wenn sie es in Deutschland, einem Land mit aus arabischer Sicht perfektem Gesundheits- und Vorsorgesystem, tun!

Vor wenigen Wochen las ich eine Studie aus Berlin, die besagt, dass im stark migrantisch geprägten Bezirk Neukölln die Säuglingssterblichkeit am allerhöchsten sei.

Ich kann mir das nur folgendermaßen erklären: Manche Familien denken, dass sie in der Lage sind, die Gesundheit ihrer Kinder vollkommen ohne medizinischen Beistand zu kontrollieren. Sie geben ihnen Medizin ohne ärztliche Verschreibung oder füttern sie mit nutzlosen oder gar schädlichen Kräutern - wie sie es aus ihren Heimatländern kennen. Wenn diese Verhaltensweisen dann noch auf mangelnde Hygiene, schlechte Nahrung, intensiven Zigarettenrauch bei mangelnder Belüftung oder in feuchten Räumen und keinem Interesse für die benötigten Impfungen treffen - dann kann sich jeder selbst ausrechnen, warum es bei den oft bildungsfernen, beratungsresistenten Migranten zu vermehrten Kindstoden kommt.

Natürlich trifft diese familiäre Horrorvorstellung auf die meisten nicht zu. Viele Familien, egal welcher Herkunft, kümmern sich liebevoll um ihren Nachwuchs und sorgen sich über alle Maßen, damit das Kleine alle Vitamine, Impfungen und Kinderarzttests bekommt, die es zum allerbesten Gedeihen benötigt.

Ich denke, dass es nicht am deutschen Gesundheitssystem hakt, sondern am familiären Verständnis der Wichtigkeit der medizinischen Kontrolle - und dieses Verständnis variiert von Familie zu Familie. Die Statistik jedoch macht zwischen ihnen keinen Unterschied, den machen nur die Familien selber. Und wir müssen uns traurigerweise eingestehen, dass einige arabische Familien noch nicht in Gänze im hiesigen System angekommen sind.

Übersetzung: Jasna Zajček

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