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Mein Leben in Deutschland:Als syrischer Flüchtling beim Kirchentag in Wittenberg

People attend closing service of the German Protestant Church Congress Kirchentag in Wittenberg

Besucher des Kirchentags in Wittenberg.

(Foto: REUTERS)

Unser Gastautor macht sich auf die Spuren Martin Luthers, schläft mit Zehntausenden unter freiem Himmel und fühlt sich anschließend spirituell beseelt. Eine neue Folge von "Mein Leben in Deutschland".

Kürzlich hat mich eine deutsche Freundin eingeladen, sie zum evangelischen Kirchentag und zum Festgottesdienst in Erinnerung an Martin Luthers Reformation vor 500 Jahren zu begleiten. Ich sagte sofort zu. Schließlich strotzt die lutherische Bewegung, so las ich mich zuvor ein, vor interessanten Details. Würde ich die Kirchentür, an die er seine 95 Thesen anschlug, sehen können? Würde ich den Geist spüren, der durch Hunderttausende seiner Anhänger aus der ganzen Welt das kleine Städtchen Wittenberg erfüllen würde?

Um das herauszubekommen, musste ich nach Sachsen-Anhalt reisen. Ein Bundesland, das nicht unbedingt für seine Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen berühmt ist. Auch Martin der Reformator hatte ja eine schlechte Meinung von Juden und Muslimen - aber Vorurteile können sich ja zerstreuen.

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Ich hatte nicht erwartet, dass der Weg mit dem Sonderzug von Berlin nach Wittenberg so anstrengend sein würde. Vor allem die drei Kilometer zur Festgottesdienst-Wiese schafften mich. Die Sonne brannte herunter, ich hatte weder Sonnenhut noch -brille dabei, nur einen schweren Picknick-Rucksack mit viel Wasser. Pausen waren keine Option, denn die anderen zahlreichen Protestanten wanderten und wanderten - und trotz der Strapazen lächelten sie und tauschten freundliche Worte miteinander aus.

Als wir endlich die Elbaue erreichten, mussten wir uns einem Sicherheitscheck unterziehen, da Alkohol, Messer, Zelte und spitze Werkzeuge verboten waren. Niemand regte sich auf, als das Familiencampinggepäck einmal ordentlich durchsucht wurde. Die Elbaue ist eine riesige Wiese, auf der eine weiße Bühne und ein riesiges Kreuz aufgebaut waren. Doch weder Bühne noch Kreuz vermittelten mir das Gefühl der Heiligkeit. Meine Augen suchten die Zehntausenden Besucher ab: nach - in meiner nahöstlichen Vorstellung - "echten" christlichen Pilgern in priesterartigen Gewändern, nach herumgetragenen Kreuzen, nach Chorälen singenden Beseelten und kirchlichen Düften. Aber da war nichts dergleichen. Lediglich einige Nonnen spazierten auf der Wiese, die Mehrheit waren einfach Menschen, so wie meine Freundin und ich.

Das kulturelle Leben in meiner neuen Wahlheimat Deutschland erstaunt mich immer wieder

Am nächsten Morgen aber spürte ich das heilige Gefühl, besonders beim Aufwachen auf der Wiese. Das sanfte Konzert mit den sphärischen Klängen hatte noch vor Sonnenaufgang begonnen, und kurz darauf strömten immer mehr Menschen, vor allem Blechbläser, auf die Wiese, um alle Anwesenden mit einem bombastischen Konzert zu erfreuen. Das kulturelle Leben in meiner neuen Wahlheimat Deutschland erstaunt mich immer wieder: Ich konnte meinen Augen kaum trauen, wie viele Blechbläser, Männer und Frauen aller Altersstufen, an mir, noch im Schlafsack liegend, vorbeizogen. Es wurden über 6000. Mein Gott, dachte ich, die großartigste Armee, die mir je zu Augen kam, marschiert hier auf!

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

In der Nacht zuvor hatten wir zusammen mit Zehntausenden auf der riesigen Wiese unter freiem Himmel geschlafen. Ich campte das erste Mal ohne Zelt, und ganz wohl fühlte ich mich nicht. Doch mitten in der Nacht war es natürlich zu spät für irgendwelche Einwände, und so kuschelte ich mich in den Schlafsack, den meine Freundin mir mitgebracht hatte. Menschen um uns herum sprachen leise miteinander, auch über Jesus, der uns wohl in dieser Nacht beschützen würde. Kurz darauf fanden die Insekten den Weg in meinen Schlafsack, und obwohl der Geist Jesus' wohl über allem schwebte, konnte ich an kaum etwas anderes als die Wichtigkeit von Anti-Insekten-Spray bei solchen Ausflügen denken.

Die Nacht war kurz, daher blieb uns viel Zeit zum Kennenlernen anderer Kirchentagsbesucher. Wie immer staunte ich über die österreichische Aussprache der deutschen Sprache, als ich mit Frank aus Salzburg ins Gespräch kam. Er hatte eine Krebserkrankung überlebt und berichtete mir, dass sein Glaube seitdem viel starker geworden sei.

Außerdem trafen wir Martin, der unter spastischen Krämpfen leidet und im Rollstuhl sitzt. Unter großen Anstrengungen kann er sich verständlich machen. Da er mit den Verschlüssen seiner vegetarischen Snack-Box nicht zurecht kam, bat er uns um Hilfe. Wir freundeten uns ein wenig an. Während der Zeit mit ihm dachte ich an all die behinderten Menschen in meinem Land, Syrien. Wie schlecht es ihnen ging! Nicht nur wurden sie unterdrückt - wenn denn überhaupt mal einer etwas zu fordern wagte - auch gab es keine elektrischen Rollstühle, rollstuhlgerechte Strassen oder Toiletten oder auch nur genügend Krankenschwestern oder Pflegeassistenten. Und natürlich überhaupt kein Geld vom Staat, für nichts. Ich wurde so traurig, als ich versuchte, an das momentane Lage in Syrien zu denken. Ich glaube, Menschen wie Martin überleben dort nicht mehr sehr lange.

Für mich war die Zusammenkunft mit Martin unglaublich beeindruckend. Hier im intimen, spirituellen Open-Air-Camping-Rahmen mit viel Zeit, beeindruckte sein blitzgescheiter Verstand uns schnell. Unser neuer Bekannter lauschte den Kirchentagspredigten andächtig Wort für Wort. Als wir wieder zu Hause waren, erhielten wir eine perfekt formulierte Email von ihm: Leider habe er beruflich sehr viel zu tun, man könne in Kontakt bleiben, doch für eine engere Freundschaft sei er als PR-Manager für einen ambulanten Behindertendienst einfach zu beschäftigt.

Nach der Veranstaltung fühlte ich mich beseelt und durch viele schöne Eindrücke beflügelt, doch die gesamte Zusammenkunft empfand ich als gar nicht so sehr religiös. Die kulturelle und intellektuelle Dimension der lutherischen Reformation stand nämlich stark im Mittelpunkt. Dass ich persönlich ein Problem mit dem Wort "Reform" habe, liegt wohl nur daran, dass ich elf Jahre der "Reformen" in Syrien miterleben durfte, bevor das Land in Schutt und Asche gelegt wurde.

Als wir nach Berlin zurückfuhren, überlegte ich: "Soviele Menschen, wie in Wittenberg waren - wäre es möglich, dass Berlin heute menschenleer sein könnte?" Aber natürlich war es voll wie immer, und auf dem Nachhauseweg lächelten mich zwei elegante Frauen und ein Herr an. Die drei waren Zeugen Jehovas und schienen nur auf mich zu gewartet zu haben - aber woher konnten sie wissen, dass ich direkt aus Wittenberg kam? Sie drückten mir einige ihrer Schriften auf Arabisch in die Hand, und fast hätte ich sie, frei nach dem Kirchentagsmotto "Ich sehe Dich" gefragt, ob sie mich "sehen" würden. Als ich endlich zu Hause ankam und meine Töchter mich nach dem orangenen Schal, den mir meine Freundin um den Hals gehängt hatte, ausfragten, war mir klar, warum selbst die Zeugen Jehovas mich "sahen". Schließlich war ich es, der mit der riesigen Botschaft "Ich sehe Dich" auf den Schultern durch ganz Berlin fuhr.

Übersetzung: Jasna Zajcek

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