Bei mehreren Anschlägen im Südwesten Pakistans sind am Donnerstag mindestens 114 Menschen getötet und etwa 230 weitere verletzt worden. Zwei Selbstmordattentäter hätten kurz nacheinander bei einem von Schiiten frequentierten Snooker-Klub in Quetta 82 Menschen in den Tod gerissen, sagte ein Polizeibeamter. Stunden zuvor waren in Quetta bereits elf Menschen bei einem Anschlag auf ein Fahrzeug der Grenzschützer getötet worden.
Zunächst habe ein Attentäter in dem Snooker-Klub seinen Sprengsatz gezündet, sagte Polizeisprecher Mir Zubair Mehmood. Zehn Minuten später habe sich dann ein zweiter Attentäter in einem Wagen vor dem vorwiegend von Schiiten besuchten Klub in die Luft gesprengt, als Polizisten, Rettungskräfte und Journalisten herbeieilten. Unter den Opfern seien auch neun Polizisten und ein lokaler Kameramann. Mehmood gab die Zahl der Verletzten mit 121 an.
Die sunnitische Terrorgruppe Lashkar-e-Jhangvi bekannte sich zu der Tat. In Anrufen bei örtlichen Journalisten teilte die Gruppe mit, die beiden Selbstmordattentäter zu dem von Schiiten besuchten Klub geschickt zu haben. Die Gruppe unterhält Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida und den radikalislamischen Taliban und war an der Entführung und Enthauptung des US-Reporters Daniel Pearl im Jahr 2002 beteiligt.
Regelmäßige Gewalt
Es war der schwerste Anschlag, seitdem zwei Selbstmordattentäter im Mai 2011 in der nordwestlichen Stadt Shabqadar 98 Menschen mit in den Tod rissen. Zudem war es der blutigste Anschlag auf Schiiten in Pakistan überhaupt. Laut Human Rights Watch wurden noch nie so viele Schiiten in Pakistan getötet wie 2012. Rund 20 Prozent der 180 Millionen Pakistaner gehören der religiösen Minderheit an, deren Mitglieder von radikalen Sunniten als Ungläubige betrachtet werden.
Wenige Stunden vor den Selbstmordanschlägen waren bei einem weiteren Bombenangriff auf ein Fahrzeug der Grenzschutztruppen in Quetta elf Menschen getötet und 27 weitere verletzt worden. Die Explosion ereignete sich nach Polizeiangaben auf einem belebten Platz. Ein Polizeiermittler sagte, die Bombe mit einem Gewicht von 20 bis 25 Kilogramm sei unter dem Fahrzeug platziert und per Fernsteuerung gezündet worden. Die Zeitung Dawn berichtete, eine Separatistengruppe habe sich zu der Tat in der Hauptstadt der Provinz Belutschistan bekannt.
Die bergige Wüstenprovinz an der Grenze zu Afghanistan ist seit Jahren Schauplatz von Gefechten zwischen den Sicherheitskräften auf der einen und Unabhängigkeitskämpfern sowie islamistischen Aufständischen auf der anderen Seite. Zudem gibt es regelmäßig gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten.
Taliban noch immer aktiv
Im Swat-Tal im Nordwesten des Landes wurden unterdessen durch die Explosion eines Gasbehälters 22 Menschen getötet und mehr als 80 verletzt. Die Explosion ereignete sich in Mingora, als mehr als 1500 Menschen der Ansprache eines Predigers der sunnitischen islamistischen Bewegung Tableeghi Jamaat zuhörten. Die Hintergründe des Vorfalls blieben zunächst unklar, die Polizei sprach aber von einem Anschlag. Unter den Opfern waren 20 Schwerverletzte.
Die Anschläge von Quetta und Mingora haben unterschiedliche Hintergründe. In Quetta waren Schiiten Ziel des Anschlags von sunnitischen Extremisten. In Mingora, der Hauptstadt des Distrikts Swat, waren die Attentäter dagegen wahrscheinlich Taliban. Swat ist durch seine Nähe zur Hauptstadt Islamabad von besonderem Interesse. Dort hatte die pakistanische Regierung den Taliban schon einmal das Feld überlassen und sie erst später vertrieben. Ganz ausgeschaltet sind die Taliban aber noch nicht, wie der Anschlag in Mingora zeigt.