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Medikamente:Sorge um den Antibiotika-Vorrat

Coronavirus - Antibiotika-Engpässen

Eine Apothekerin sucht nach Antibiotika: Wegen Produktionsausfällen in China könnte es zu Engpässen kommen.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Der Produktionsstopp bei der Produktion von Arzneimitteln in Hubei bedroht auch die Lieferungen nach Deutschland. Gehen bald wichtige Wirkstoffe aus?

Von Rainer Stadler

Das Coronavirus stellt nicht nur die betroffenen Menschen und Regionen in China auf eine harte Probe, sondern könnte auch die Arzneimittelversorgung in Deutschland gefährden. Morris Hosseini, Pharmaexperte des Münchner Beratungsunternehmens Roland Berger, warnt vor Lieferengpässen bei Antibiotika. In der Provinz Hubei mit der Hauptstadt Wuhan, wo das Virus zuerst ausbrach, befänden sich mehrere Produktionsstätten für Antibiotika-Wirkstoffe, die derzeit stillstehen. Sollte dieser Zustand noch ein paar Wochen andauern, werde es eng mit den Vorräten in Deutschland.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat das Problem erkannt. Er sagt, wenn die Produktion "über Tage, teils Wochen" eingestellt werde, könne das auch Folgen für die Lieferfähigkeit haben. "Wir müssen schauen, wie wir damit umgehen." Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn beruhigt indes; bisher lägen keine Hinweise vor, dass es wegen des Coronavirus "zu kurzfristigen Liefer- oder Versorgungsengpässen" komme.

Pharmaexperte Hosseini entgegnet, auf die Schnelle sei ohnehin nichts zu machen, wenn die Produktion ausfällt. Aber die Politik könne das Problem als Weckruf verstehen, grundsätzlich über die Abhängigkeit von China bei lebenswichtigen Medikamenten wie Antibiotika nachzudenken, und wie es dazu kam. Für Hosseini liegt die Ursache im deutschen Preissystem für Arzneimittel. Krankenkassen handeln mit Herstellern Rabatte aus. Im Gegenzug verpflichten sie sich, dass ihre Versicherten ihre Medikamente ausschließlich bei diesen Herstellern beziehen. Die Praxis hat dazu geführt, dass die Preise für Generika - Arzneien, deren Patentschutz abgelaufen ist -, in Deutschland vergleichsweise niedrig sind. Darunter fallen auch Antibiotika.

Die Kehrseite: Eine kostendeckende Produktion dieser Medikamente ist in Hochlohnländern wie Deutschland nicht mehr möglich. Zwar werden hierzulande noch immer Tabletten gepresst, aber die Wirkstoffe stammten zu 80 Prozent aus Ostasien, erklärt Hosseini. Aus zwei Substanzklassen, den Penizillinen und den Cephalosporinen, würden die meisten Antibiotika hergestellt. China habe vor Jahrzehnten begonnen, die erforderliche Industrie mit staatlichen Subventionen aufzubauen. "Bei einem so sensiblen Bereich wie den Antibiotika wollte man nicht vom Ausland abhängig sein." Große Anlagen entstanden und wurden immer effizienter. Deshalb hat China hat nun Überkapazitäten und beherrscht den Weltmarkt. Die Herstellung dort sei so günstig, dass mittlerweile auch Indien Medikamente von dort beziehe. "Wenn die Rahmenbedingungen in Europa dazu führen, dass wir von China komplett abhängig werden, dann sollten wir sie ändern", fordert deshalb Hosseini.

An den Rabattverträgen scheiden sich schon länger die Geister. Für die Krankenkassen sind sie ein bewährtes Mittel, um die Ausgaben für Medikamente im Zaum zu halten. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung veröffentlichte vor wenigen Tagen ein Gutachten, das belegen soll, dass Lieferengpässe nicht den Rabattverträgen anzulasten sind. Aber was heißt das schon? Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie präsentierte bereits im Frühjahr 2019 eine Studie, die genau das Gegenteil beweist. Das Gesundheitsministerium teilt auf Anfrage mit, die gerade vom Bundestag beschlossenen Änderungen zum so genannten "Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz" würden dazu beitragen, "dass Patienten nicht mehr auf Arzneimittel warten müssen". Pharmafirmen und Großhändler sind demnach angehalten, die Gefahr eines Engpasses bei wichtigen Medikamenten künftig zu melden, und können von den Behörden verpflichtet werden, ihre Vorräte für bestimmte Mittel zu erhöhen. Auch im Ministerium scheint klar zu sein, dass diese Maßnahmen allerdings nicht die Abhängigkeit von China verringern. Aber die Abhängigkeit "von wenigen Produktionsstandorten in Drittstaaten" sei "kein nationales, sondern ein marktübergreifendes Phänomen", welches alle EU-Länder betreffe. Man stehe "hierzu im Austausch mit den europäischen Partnern".

Aus Sicht des Pharmaexperten Hosseini bieten sich zwei Lösungen an: Die Krankenkassen zahlen den Herstellern künftig mehr, die Preise für Arzneien steigen. Dafür verpflichten sich die Hersteller, in Deutschland oder zumindest in Europa zu produzieren. Das hätte den Vorteil, dass leichter kontrollierbar wäre, ob Qualitätsstandards in der Produktion eingehalten werden. In der Vergangenheit kam es nämlich zu Engpässen, weil Teile einer Fabrik in Ostasien explodierten. Oder weil sich krebserregende Substanzen in einem Mittel fanden, das längst im Umlauf war. Die Alternative: Hersteller werden für die Bereithaltung von Produktionskapazitäten in Deutschland vergütet. Das bedeutet etwa, dass eine Antibiotika-Produktionsanlage bereit steht, die im Notfall genug herstellen kann, um den Bedarf der Patienten hierzulande zu decken.

Aus Branchenkreisen heißt es, noch seien die Lager der Firmen mit Wirkstoffen gut gefüllt. Ohnehin würde ein Engpass infolge des Coronavirus in Deutschland wegen der langen Lieferzeiten erst mit mehreren Monaten Verzögerung spürbar. Trotzdem hofft Hosseini, dass die Politik nicht einfach zur Tagesordnung übergeht, sollte die Sache mit dem Virus glimpflich ausgehen. Er erinnert an einen Vorfall, der zeigt, wie weit China geht, um seine Marktdominanz abzusichern: In Frankfurt-Höchst existierte bis vor Kurzem eine Anlage, die Antibiotika-Wirkstoffe produzierte. In die Fabrik und ihre Wettbewerbsfähigkeit wurde viel investiert. Als die chinesischen Hersteller radikal die Preise senkten, konnte die Höchst-Anlage aber bald nicht mehr mithalten und meldete Insolvenz an. Danach erhöhten die Chinesen die Preise wieder.

© SZ vom 19.02.2020

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