bedeckt München

Medienexperte:Gibt es eine Gegenstrategie?

Die Accounts wurden von Twitter gelöscht. Kann man so dem Problem Dschihadismus im Netz Herr werden?

Spätestens seit Paris gab es großen politischen Druck auf die Betreiber von Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter und Nachrichtendiensten wie Telegram, mehr dafür zu tun, solche Konten zu löschen. Dass im Zuge der Attacken in Brüssel mehrere IS-Sympathisanten auf Twitter wiederholt gesperrt wurden, zeigt, dass dies Wirkung zeigte. Aber man wird nie ganz verhindern können, dass Dschihadisten unter anderem Namen weiter ihre Hassbotschaften verbreiten. Einschränken könnte man das nur, indem man die Freiheiten im Internet radikal beschneiden würde. Und das wäre für unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung das Ende. Für Freiheit müssen wir bereit sein, Risiken einzugehen.

Neben der anti-westlichen Propaganda nutzt der IS die Sozialen Medien vor allem auch für Radikalisierung und Mobilisierung. Welche Rollen spielen soziale Netzwerke?

Inwiefern der Konsum zu Radikalisierung beiträgt oder die Radikalisierung schon vorher vorhanden war, ist sehr umstritten. Aber zweifelsohne entstehen und bestehen Kontakte über soziale Netzwerke. Und im Gegensatz zu Telefon und Email kann man länger unbemerkt und anonym miteinander kommunizieren. Die Technik spielt den Terroristen in die Hände. Aber das ändert nichts daran, dass eine lückenlose Überwachung der sozialen Netzwerke praktisch nicht machbar und politisch nicht sinnvoll ist.

Wie unterscheidet sich die Medienarbeit des Islamischen Staats von anderen Terrornetzwerken wie al-Qaida?

Al-Qaida ist eine sehr viel klassischere Terrororganisation. Nicht nur personell, sondern auch medial hat der Islamische Staat dem Terrornetzwerk den Rang abgelaufen. Der IS hat mehrere zentrale Medien- und Produktionsbüros, die in verschiedenen Sprachen Videos und Texte für die Sozialen Medien und Internetseiten produzieren. Die Verteilung erfolgt dann wiederum dezentral: Es gibt viele Beispiele von Wohnzimmertätern, die Medieninhalte des IS übersetzen und im Netz streuen. Das ist nur sehr schwierig zu kontrollieren.

Lässt sich hier eine wirksame Gegenstrategie finden? Es gibt Beispiele von Hackergruppen, die IS-Seiten im Internet lahmlegen.

Das kann im ersten Moment funktionieren. Aber Terror im Internet ist wie eine Hydra, schlägt man einen Kopf ab, wächst ein anderer nach. In den USA gab es Versuche, eine narrative Gegenstrategie zu entwickeln. Darunter zum Beispiel das Deradikalisierungsprogramm "Think Again Turn Away" der US-Regierung, wofür unter anderem Videos produziert wurden. Das Ganze ist aber psychologisch so naiv, dass es wirkungslos ist und offenbar wieder eingestellt werden soll. Kürzlich gab es aber Treffen von Vertretern der US-Regierung, des Silicon Valley, der Werbebranche und Hollywood-Produktionsfirmen, die ausloten sollen, wie die Kommunikationsstrategien des Islamischen Staates konterkariert werden können. Ob damit das Kernpublikum - potenzielle Dschihadisten - erreicht wird, ist fraglich. Der harte Kern wird sich davon kaum beeinflussen lassen .

© SZ.de/fued
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema