Medien "Quotenjunkies", "Konformisten"

Wolfgang Herles hält Journalisten und Politikern den Spiegel vor, mit einigen guten Argumenten.

Von Rudolf Walther

Der TV-Journalist Wolfgang Herles geht in Rente. Zum Abschied vom ZDF hat er dem Sender ein stacheliges Stück Medienkritik überreicht: "Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik." Herles lässt nichts aus, was ihm am öffentlich-rechtlichen Sender der "Quotenjunkies" und "Konformisten" aufgestoßen ist. Alle kommen dran - die Hofberichterstatter (die Berichte über CDU-Parteitage als "C-Dur Feldgottesdienste zu Ehren der heiligen Angela" gestalten), Talkshow-Clowns ("Patentschwätzer, bei denen der Anzug oft besser sitzt als die Gedanken"), die Skandal- und Alarmschreier ("in der Katastrophe ist das Medium ganz bei sich . . . und versammelt das Volk zum großen Trauer-Powwow"). Die Politik läuft nach Angela Merkels einzigem Kompass - den Umfragewerten. 2009 bis 2013 hat allein das Bundespresseamt 600 Umfragen in Auftrag gegeben.

Herles beginnt mit dem Quotenfetischismus. Die Quote ist der Geßler-Hut, vor dem sich alle verneigen - so als ob Zahlen für Qualität bürgten. "Kampflos ergibt sich das ZDF der Diktatur der Quote." Die Quote misst nur das Gefallen, und wer in den Medien an Quoten glaubt, gehört für Herles ebenso zu den Gefallsüchtigen wie jene Politiker, die sich an Umfragen ausrichten. Medien und Politikern - den "gefallsüchtigen" Zwillingen - liegt nichts ferner als Kritik, Irritation, Provokation und Aufklärung. Medien und Politiker folgen der "Macht des Marktes", die Konsumtrends, Lebensstile und Wertorientierungen erzeugt. Ergebnis: Homogenisierung, Konformismus und Seichtigkeit rundum.

Die Qualitätskrise hat nicht nur das Gebührenfernsehen erfasst, das - so Herles - "ohne großen Verlust für die Gesellschaft abgeschafft werden könnte", sondern auch die Printmedien. Der Kampf um die Mitte endet beim "Abschreiben und Fremddenkenlassen" (Hans-Ulrich Jörges) in einem allgemeinen Konformitätsdruck. Im Online-Journalismus kommt der Zeitdruck hinzu, der die Qualität zusätzlich senkt. Verheerend wirken sich auch kostensparende Kooperationsdeals zwischen vormals linksliberalen und konservativen Zeitungen aus. Das Netz und die sozialen Netzwerke entwickeln sich zu "einer Gerüchteschleuder" (Mathias Müller von Blumencron, FAZ).

Herles' Diagnose - "der Quotenwahn hat auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen ruiniert" - ist richtig, seine Therapie - radikale Programmreform (weniger Geld für teure Sportrechte und vulgäre Unterhaltung, mehr für Bildung, Kultur und Politik), Abschaffung des Gebührenfernsehens und Finanzierung aus Steuermitteln - plausibel. Ein Buch zur richtigen Zeit.

Rudolf Walther ist freier Publizist. Zuletzt erschien von ihm der vierte Essayband: "Aufgreifen, begreifen, angreifen.", Münster 2013 (Oktober Verlag).